Die großen Betrüger Wie Nick Leeson die Barings Bank in die Pleite ritt

Ende einer Flucht: In Frankfurt wird Nick Leeson (M.) 1995 festgenommen
Ende einer Flucht: In Frankfurt wird Nick Leeson (M.) 1995 festgenommen
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Nick Leeson war Händler der Barings Bank und verzockte Millionen mit Derivategeschäften. Die Verluste versteckte er jahrelang – und runierte die „Bank der Queen“

Was für ein herrlicher Ort, um seinen 28. Geburtstag zu feiern: Als Nick Leeson am Morgen des 25. Februar 1995 aufwacht, glitzert am Strand von Kota Kinabalu, der Hauptstadt des malaysischen Bundesstaates Sabah, das Meer in der Sonne. Das Personal des Luxushotels Shangri-la’s Tanjung Aru hat die blau-weißen Schirme aufgespannt und steht bereit, den Gästen jeden Wunsch zu erfüllen. So wunderbar ruhig sei es hier, findet Leeson. „Wir könnten heute Abend beim Italiener essen und morgen Wildwasser-Rafting machen“, schlägt er seiner Frau Lisa vor. „Machen wir uns einen schönen Tag.“

Während die beiden die friedliche Stille genießen, ist in der Finanzwelt Asiens und Europas die Hölle losgebrochen. Leesons Bluff ist geplatzt. Der Starhändler der Barings Bank, der seinem Arbeitgeber scheinbar Rekordgewinne verschaffte, der von Kollegen als „King“ bewundert und beneidet wurde, hat sich als haltloser Zocker und Betrüger entpuppt. Immer stärker hatten sich die Hinweise verdichtet, dass etwas mit den Geschäften des Derivatehändlers in Singapur nicht stimmen konnte. Monatelang ließen sich die Vorgesetzten vertrösten, doch nun sind ihre Fragen nach den Ungereimtheiten in den Büchern drängender geworden. Ultimativ verlangen sie schließlich am Donnerstag, zwei Tage vor Leesons Geburtstag, Aufklärung. Kein Problem, sagt der junge Chefhändler, er müsse nur kurz zu Hause nach seiner kranken Frau sehen. In einer Dreiviertelstunde sei er zurück.

Die Vorgesetzten warten vergeblich. Leeson fährt nach Hause und von da aus mit Lisa zum Flughafen. Am darauffolgenden Montag wird Barings, die älteste britische Handelsbank, für insolvent erklärt. Leeson hinterlässt ein gigantisches schwarzes Loch: Buchverluste von 827 Mio. Pfund, damals rund 2 Mrd. D-Mark – mehr als das Doppelte von Barings’ Eigenkapital. Wie konnte das geschehen?

Optionen und Kontrakte

Am Anfang stand der Traum eines englischen Jungen aus Watford, der mehr erwartete vom Leben als die Sozialwohnungen, in denen er aufgewachsen war. Nick Leeson wollte nicht Handwerker werden wie sein Vater, der Wände verputzte. Nach dem Abitur bewarb er sich auf eine Sachbearbeiterstelle in der feinen Londoner Bank Coutts & Co – und wurde genommen. „Ich trug Anzug und Krawatte und lernte schnell“, schreibt er in seiner Autobiografie, die er gut zehn Jahre später als Häftling Nr. 38 406 in einem Gefängnis in Singapur verfasste.

1987 wechselte Leeson zu Morgan Stanley in die Abteilung, die Derivategeschäfte abwickelte. „Die Welt der Terminkontrakte und Optionen wuchs schnell, und nur wenige verstanden wirklich, wie sie funktionierten“, so Leeson. Er war 20 Jahre alt, verdiente 20.000 Pfund jährlich und dazu einen ebenso hohen Bonus, hatte sich die erste Wohnung gekauft – und Blut geleckt. Er wollte da sein, wo das „echte Geld“ verdient wurde. Nicht im Backoffice, wo die Deals abgerechnet werden, die andere machen. Sondern im Handelsraum, wo wild gestikulierende Männer in Sekunden Millionen bewegen und dabei selbst reich werden.

Im Sommer 1989 kündigte Leeson und nahm einen Job bei Barings an. Wieder in der Abwicklung, aber mit einem festen Plan: Dies würde sein Sprungbrett in die Welt des schnellen Geldes sein. Barings schließlich war nicht irgendeine Bank. „Es gibt sechs Großmächte in Europa – England, Frankreich, Preußen, Österreich, Russland und die Gebrüder Baring“, soll Kardinal Richelieu einmal gesagt haben. 1762 gegründet, hatte Barings mehr als zwei Jahrhunderte stürmischer Geschichte überstanden und unter anderem den Kauf Louisianas durch die Vereinigten Staaten von Amerika finanziert. Die Wände der Zentrale in der Londoner City schmückten Ölgemälde alter Meister und historische Aktienzertifikate. Seit der Jahrhundertwende zählte die Bank auch die königliche Familie zum Kundenkreis und verdiente damit Provisionen – und Adelstitel.

Man verstand sich als konservativ, als Bankiers, die auf solides Wachstum setzten. Doch Barings wollte auch nicht abseitsstehen, wenn sich neue, lukrative Geschäftsfelder auftaten. Im Investmentbanking zum Beispiel oder beim Aufstieg der „Tiger“-Volkswirtschaften Asiens seit den 80er-Jahren.

Im Frühjahr 1992 wurde Leeson, der sich als ehrgeizig und fähig erwiesen hatte, nach Singapur entsandt. Er sollte in der einstigen Kronkolonie eine neue Operation aufbauen: den Handel mit Derivaten an der lokalen Börse Simex. Barings Futures Singapore sollte nach dem Willen der Zentrale in London möglichst schlank und günstig operieren. Also beging man einen folgenschweren Fehler: Anders als üblich wurden die Verantwortlichkeiten für die Handelsentscheidungen und ihre anschließende Abwicklung nicht getrennt. Der gerade mal 25-jährige Nick Leeson übernahm bald beide Funktionen, Chefhändler und Chef des Backoffice. In der Realität hieß das: Er kontrollierte sich selbst.

Der Junge aus der Provinz war da angekommen, wo er hinwollte. „Als ich zum ersten Mal das Handelsparkett betrat, konnte ich das Geld riechen“, schreibt Leeson. Seine Zulassung als Händler in Singapur bekam er problemlos – auch weil er verschwieg, dass ihm die Börsenaufsicht in England die Lizenz wegen eines nicht bezahlten Überziehungskredits verweigert hatte.

Es war das erste Mal, dass er einen Fehler, der ihn die Karriere hätte kosten können, heimlich begrub. Daraus sollte eine Methode mit immer kriminelleren Mitteln werden.

Glaubt man Leeson selbst, stand am Anfang seines Wegs zum rogue trader, zum Schurkenhändler, eine barmherzige Tat. Tränenüberströmt habe eine seiner jungen Mitarbeiterinnen eines Abends vor ihm gestanden und um Verzeihung gebeten. Sie hatte in der Hektik eine Kundenorder durcheinandergebracht und 20 Terminkontrakte ver- statt gekauft. Leeson hätte das Problem ehrlich lösen können: die 20 versehentlich verkauften Kontrakte am Markt zurückkaufen und dazu noch die 20 Kontrakte erwerben, die der Kunde bestellt hatte. Die saubere Lösung aber hätte seinem Arbeitgeber einen Verlust von 20.000 Pfund beschert, weil der Preis der Papiere inzwischen gestiegen war.

Nach seiner Rückkehr nach Singapur wird Leeson abgeführt
Nach seiner Rückkehr nach Singapur wird Leeson abgeführt (Foto: dpa)
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Leeson entschied sich anders. Er erinnerte sich, dass er kurz nach dem Start in Singapur ein sogenanntes Fehlerkonto eingerichtet hatte, das dann aber nicht genutzt worden war. Als Nummer 88888 hatte er es anlegen lassen – er war nicht abergläubisch, aber eine Häufung der chinesischen Glückszahl Acht konnte ja nicht schaden. Auf diesem in Vergessenheit geratenen „Fünf-Achter-Konto“ beerdigte Leeson am 17. Juli 1992 mithilfe von Buchungstricks die missglückte Transaktion. Der Verlust war zwar immer noch da – aber so gut versteckt vor den Augen Londons, dass ihn nur jemand entdecken würde, der sehr genau hinsah. Das aber tat keiner.

So kam Leeson auf den Geschmack. Bis Ende 1992 verbuchte er auf 88888 bereits 30 Handelsfehler. Anfangs brachte er den Saldo jeweils zum Monatsende auf null, indem er Verluste aus seinen eigenen Provisionserträgen ausglich. Ihm war klar, dass das nur so lange gut gehen würde, wie die Fehlbeträge klein und seine Einnahmen groß waren. Andernfalls „müsste ich einen anderen Weg finden, um sie zu verstecken“.

Es dauerte nicht lang, bis ihm die Verluste über den Kopf wuchsen. Leeson musste den Einsatz erhöhen und begann, heimlich Optionen zu verkaufen – Papiere, die dem Käufer das Recht geben, zu einem festgelegten Zeitpunkt und Preis etwa Aktien zu erwerben. Das Risiko, dass diese Aktien bis dahin womöglich teurer geworden sind, trägt der Verkäufer. Dafür bekommt er eine Prämie.

Leeson setzte auf sogenannte Short Straddles: Er verkaufte jeweils ein identisches Volumen an Optionen für das Recht zum Verkauf (Put) und Kauf (Call) von Aktien. Diese Wette geht bei stabilen Kursen auf, wenn die Preise weder steigen noch fallen. Denn dann rechnet es sich weder für den Put- noch für den Call-Käufer, ihre Rechte auszuüben. Der Optionsverkäufer hat in diesem Fall keine Kursverluste – aber die volle Prämie kassiert.

Bis Juli 1993 schaffte es Leeson mit seinen Spekulationen, ein zwischenzeitliches Minus von 6 Mio. Pfund auf 88888 in einen „glamourösen Gewinn“ zu verwandeln.

Keiner merkt etwas

Bei Barings in London bekamen sie von den Eigengeschäften ihres Singapurer Händlers nichts mit. Offiziell waren Leeson nur zwei Arten von Transaktionen erlaubt: die Ausführung von Kundenorders, für die die Bank eine Provision kassiert. Und sogenannte Arbitragegeschäfte, vergleichsweise risikolose Geschäfte, bei denen sich ein Händler winzige Preisunterschiede an verschiedenen Handelsplätzen zunutze macht. Zum Beispiel indem er an der japanischen Börse Osaka Termin-kontrakte auf den Nikkei-225-Index verkauft, die er gleichzeitig zu einem niedrigeren Preis in Singapur kauft. Die Differenz ist sein Gewinn.

In den Augen von Barings lief dieses Geschäft glänzend. Die neue Struktur der Bank habe sich offensichtlich bewährt, brüstete sich Chairman Peter Baring im September 1993. Die Profitabilität habe sich „bemerkenswert erholt“. Der Spross der großen Dynastie ahnte nicht, dass er es sein würde, der bald den Schlusspunkt unter die 232-jährige Geschichte des Familienunternehmens setzen würde.

Bereits 1999 wurde Leesons Geschichte verfilmt

Für 1993 aber wies Barings erst einmal einen satten Gewinn vor Steuern von 100 Mio. Pfund aus. Leesons Außenstelle in Singapur allein trug über 10 Mio. Pfund dazu bei. Seinen „glamourösen Gewinn“ aus dem Juli aber hatte er da schon wieder verspielt. Seine Abteilung stand nur so glänzend da, weil er weiter alle Verluste auf 88888 versteckte.

Leeson war unverzichtbar für die Bank geworden. Und sie für ihn. Kurz nach seinem 27. Geburtstag bekam er den Bonus für 1993: 135.000 Pfund, damals ein hoher Betrag. Auf 88888 war zu diesem Zeitpunkt schon wieder ein Minus von über 23 Mio. Pfund aufgelaufen.

Er habe sich nie selbst bereichert, erklärt Leeson später. Manche Beobachter bezweifeln das. Aber eines ist sicher: Er wollte dieses Leben um keinen Preis wieder aufgeben. Die gelb-blau-gestreifte Handelsjacke mit dem Kürzel LJS auf dem Hausausweis. Das scheinbare Chaos auf dem Simex-Parkett, das für Insider keines ist. Den „Pit“, die Plattform des Barings-Teams, wo der Union Jack im Luftzug der Klimaanlage flatterte. Nicht einmal den Spitznamen, den ihm die Kollegen verpasst hatten: „Small Dick“ (kleiner Schwanz). Abends ließen es die Händler zusammen in Harry’s Quayside Bar von Singapur krachen. Immer noch trank der Arbeitersohn lieber – viel – Bier als Wein und verschlang am liebsten Burger.

Von Monat zu Monat wurden die Risiken größer, die er einging. Die Verluste auch. Es kam vor, dass ihm ein einziges Geschäft 1,7 Mio. Dollar Miese bescherte.

Derivate sind ein tückisches Instrument. Als Händler kann man zwei fatale Irrtümer begehen: den Markt falsch einschätzen. Oder glauben, dass man ihn überlisten kann. Leeson, der das Passwort „Superman“ nutzte, machte beide Fehler. Im August 1994 saß er auf Verlusten von 80 Mio. Pfund. Seine Strategie wurde zum Bumerang. Weil er so viele Optionen in den Markt drückte, sanken die Prämien, die er bekam.

So wurden auch seine Verschleierungsaktionen immer dreister. Er fabrizierte Unterlagen über ein angebliches 50-Mio.-Pfund-Guthaben bei der Citibank, wo in Wirklichkeit kein Penny lag.

Im Rückblick erscheint es unfassbar, dass ihm keiner auf die Schliche kam, bevor es zu spät war. Es war ja nicht so, als hätten alle diese Verluste nur im virtuellen Raum existiert. London musste Geld schicken, Unsummen. Denn die Simex verlangte bei Derivategeschäften eine Art Sicherheitseinlage. Also transferierte die Zentrale Million um Million für angebliche Transaktionen im Kundenauftrag. Nach den Regeln durfte keine Bank in Großbritannien mehr als ein Viertel ihres Eigenkapitals außer Landes einsetzen, ohne die Notenbank zu informieren. Im September 1994 teilt Barings der Bank of England mit, dass die Schwelle überschritten wurde. Die Konsequenzen: keine.

War solche Nonchalance allein Leesons Überzeugungskraft und Chuzpe geschuldet? Leesons Coolness in kritischen Situationen ist legendär: Er blieb äußerlich völlig ruhig und schob sich höchstens eine Handvoll Bonbons in den Mund. Selbst seine Frau erfuhr erst nach der Flucht, dass ihr Mann alle getäuscht hatte. Der Arbeitersohn verfügte über die richtige Mischung aus Charme, Intelligenz und Hemdsärmeligkeit, um sich durchzusetzen – und um kritische Fragen mal lässig, mal brachial abzubügeln.

Mangelnde Kontrolle

Doch das war es nicht allein. Es rächte sich, dass Barings Handel und Abwicklung in eine – seine – Hand gegeben hatte. Zudem war nicht einmal ganz klar, an wen Leeson zu berichten hatte: das lokale Management in Asien, den Abteilungsleiter in London? Leesons immer irrwitzigeren Spekulationen konnten nicht auf Dauer gut gehen. Das Ende aber kam dann rasend schnell.

Am 17. Januar 1995 verwüstete ein gewaltiges Erdbeben die japanische Stadt Kobe. Die Aktienmärkte gerieten ins Taumeln. Leeson interpretierte das als Chance. Die Kurse würden bald wieder steigen, da war er sicher. Also wettete er darauf. Allein am Freitag, dem 20. Januar, kaufte er 10.000 Kontrakte, die im März fällig wurden. Jetzt musste der Nikkei nur noch über 19.000 Punkte steigen, und er war alle Sorgen los. Doch der Index stieg nicht. Er fiel.

Leesons Betrugsgebäude kollabierte wie vorher die Häuser in Kobe. Jeder Indexpunkt Kursverlust kostete die Bank plötzlich 200.000 Pfund.

In der Nacht seines Verschwindens aus Singapur brachen Barings-Mitarbeiter die Schubladen seines Schreibtischs im 14. Stock der Ocean Towers in Singapur auf. Sie fanden den Ausdruck des 88888-Kontos mit 61.000 darin verborgenen Kontrakten – jeder einzelne davon im Minus. Außerdem eine Schere und einen Briefkopf, den er für seine Fälschungen verwendet hatte. Im Verlauf des Horrortags traf ein Fax des flüchtigen Händlers ein. Er wolle sich „aufrichtig entschuldigen“ für die Schwierigkeiten, die er hinterlassen habe, schrieb Leeson.

Nach seiner Entlassung aus der Haft kehrte Leeson 1999 nach Großbritannien zurück
Nach seiner Entlassung aus der Haft kehrte Leeson 1999 nach Großbritannien zurück (Foto: dpa)
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Barings war nicht mehr zu helfen. Bemühungen, in letzter Sekunde ein Rettungspaket für die Traditionsbank zu schnüren, misslangen. Die niederländische Bankengruppe ING übernahm den Konkurrenten schließlich für 1 Pfund – inklusive der Verpflichtungen aus Leesons Geschäften, für die es eine sofortige Finanzspritze von mindestens 660 Mio. Pfund brauchte.

Der gefallene Star wurde festgenommen, als er von Kota Kinabalu nach Großbritannien zu reisen versuchte. Als die Maschine der Royal Brunei Airlines am 2. März 1995 in Frankfurt landete, erwarteten Polizisten ihn an der Rollbahn. Ein paar Monate später kehrte Leeson nach Singapur zurück, bevor er zwangsweise ausgeliefert worden wäre. Dort wurde er wegen Urkundenfälschung, Untreue und Betrugs zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Aufgrund einer Krebserkrankung kam er nach viereinhalb Jahren 1999 frei.

Heute lebt Leeson in Irland und verdient sein Geld vor allem damit, Vorträge darüber zu halten, wie er Barings ruinierte. Im Gefängnis hat er seine Biografie geschrieben, für die Buchrechte soll er 500.000 Pfund bekommen haben.

„Rogue Trader“ lautet der Titel – das Etikett, das ihm der britische Schatzkanzler Kenneth Clarke verpasste, während Leeson auf Kota Kinabalu urlaubte und in London die Hölle losbrach, hat er zu seinem Markenzeichen gemacht.

Der Beitrag ist erschienen in Financial Crimes: die größten Betrüger, Verbrecher und Spekulanten der Wirtschaftsgeschichte . Das Heft kann im Abo-Shop von Capital bestellt werden


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