GastbeitragFake News: Zuflucht und Bedrohung

Thomas Laschyk ist Gründer des Volksverpetzer-Blogs. Die Site hat sich dem Kampf gegen Fake News verschriebenPR

Nein, Bill Gates hat nicht mit der WHO die Corona-Pandemie inszeniert. Nicht wenige Deutsche, die vor 1,5 Jahren noch vernünftig, rational, unpolitisch und durchaus gebildet waren, würden für dieses Märchen jetzt ihre Hand ins Feuer legen. Aus ihnen sind Menschen geworden, die, weil sie eine Maske im Bus aufsetzen sollen, buchstäblich glauben, ähnliches zu erleben wie Jüd:innen im Dritten Reich. Sie, die vorher unpolitisch waren, demonstrieren heute Seite an Seite mit die Reichsflagge schwingenden Rechtsextremist:innen. Und zwar ohne Maske und Abstand. Nur, weil ihnen Sharepics auf Facebook und Telegram das eingeredet haben. Wie kommt es aber dazu, dass Menschen Fake-News aufsitzen und diese verbreiten?

Vom Wunsch, im Recht zu sein

Zunächst einmal ist es menschlich, im Recht sein zu wollen. Wir hören und lesen deshalb gern das, was unsere Weltanschauung bestätigt. Und sind deshalb eher skeptisch gegenüber Behauptungen, die uns widersprechen. Was wirklich stimmt oder nicht ist für viele deshalb zweitrangig. Mit dem Effekt, dass in Social Media viele Telegram-Gruppen oder Facebook-Seiten sich einfach nur gegenseitig versichern, im Recht zu sein. Überprüfung der Fakten? Fehlanzeige.

Hat man sich in eine sich selbst verstärkende Filterblase gedrängt – durch extreme Umstände wie beispielsweise eine Pandemie – kann es dazu führen, dass man psychologischen Effekten ausgesetzt ist, die einen Radikalisieren und vom Rest der Gesellschaft und der Realität entfremden. Die, die sich zu Beginn von Corona lediglich danach gesehnt haben, dass alles nur ein großes Missverständnis war, landeten damit schnell in einem Sumpf aus Verschwörungsmythen, Hass, Feindbildern und Größenwahn. Wer widerspricht, ist verblendet und gekauft, man selbst ist erleuchtet, fühlt sich auserwählt und wissend. Wer Parallelen zu Sekten entdeckt, liegt nicht falsch.

Profiteure als Treiber von Fake News

Fake News sind für ihre Gläubigen eine psychologische Zuflucht. Das ist die eine Seite. Die andere ist jedoch, dass es handfeste Profiteure gibt. Sie greifen Wählerstimmen ab und oder verdienen viel Geld – beispielsweise über Merchandise oder alternativmedizinische Produkte. Und noch etwas ist erstaunlich verbreitet in diesen Kreisen: Die Bereitschaft, Geld zu spenden. Querdenker:innen haben beispielsweise Millionen gesammelt mit dem Versprechen, die Bundesregierung zu stürzen oder den Virologen Christian Drosten vor Gericht zu bringen.

Und die, die Zielscheibe des Hasses, der Gewalt und Verleumdung werden, die bekommen schnell ernste persönliche Probleme. Allein bereits dadurch, dass auf sie plötzlich tausende wütende Nachrichten einprasseln. Aber Fake News richten auch großen finanziellen Schaden an. Vor einigen Jahren stürzte die Aktie des französischen Baukonzerns Vinci um ein Fünftel ihres Wertes ab, nach dem eine Fake News über sie in die Welt gesetzt wurde. Statista meldet, dass die Hälfte der 78 Mrd. Doller Schaden pro Jahr durch Fake News durch Verluste an der Börse und Volatilität verursacht wird.

Aber man darf auch nicht die Kosten und den Zeitaufwand unterschätzen, der benötigt wird, um Falschinformationen zu widersprechen. Journalist:innen, die recherchieren und schreiben müssen, der Aufwand für PR von Unternehmen oder Behörden, die Nachrichten aufklären müssen. Auch der indirekte Schaden ist vielleicht unbezifferbar, besonders wenn man die Terroranschläge, Krawalle und Attentate berücksichtigt, die entstehen, wenn Menschen durch Verschwörungsmythen und Lügen in Social Media radikalisiert werden. Sachschäden, Personenschäden, Menschenleben. Auch wenn sich Menschen durch Falschinformationen in Gefahren begeben, sei es bei Unwetterkatastrophen oder indem sie sich oder ihre Kinder nicht impfen lassen. Ein Teilaspekt von Fake News sind auch immer explizit, anderen Personen oder Gruppen zu schaden.

Es dreht sich oft um Geld

Fake News sind in einer Hinsicht auch immer ein Werkzeug oder eine Waffe und es dreht sich oft um Geld und Einfluss. Neben der ideologischen Motivation spielt Geld immer eine zentrale Rolle. Die, die sie verbreiten, bekommen Spenden von Gleichgesinnten. Eine Partei wie die AfD, die wie keine andere Partei Fake News verbreitet, gewinnt Wählerstimmen und damit auch Zugang zu Steuergeldern. Die Algorithmen der Social Media Plattformen bevorzugen Fake News, weil sie für viel Interaktionen sorgen – weil man durch die Werbung Geld verdienen kann. Fake News sind letztlich auch ein sehr lukratives Geschäft.

Fake News sind ein Phänomen, das jeden treffen kann – als Ziel oder als Opfer. Als Gesellschaft müssen wir denjenigen, die diese wahnhaft verbreiten, den Sauerstoff der Aufmerksamkeit entziehen und die Tricks der Scharlatane enthüllen. Uns muss aber auch bewusst sein, dass Fake News weiter eine zentrale Bedrohung für unsere Gesellschaft bleiben, weil diese ein strukturelles Problem darstellen. Schließlich wird auch viel Geld damit verdient, mit privaten Oligopolen, selbstverstärkenden Algorithmen und Influencer:innen, die diese gerne ausnutzen.

 


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