InvestitionenEuropas Angst vor chinesischen Übernahmen

EU-China-Gipfel in Corona-Zeiten: Die Chefs der europäischen Institutionen trafen sich zur Videokonferenz mit der chinesischen Führung
EU-China-Gipfel in Corona-Zeiten: Die Chefs der europäischen Institutionen trafen sich zur Videokonferenz mit der chinesischen Führungdpa

Gerade erst ist der Wirtschaftsgipfel zwischen der EU und China zu Ende gegangen – und zwar nicht gerade erfreulich. Beide Seiten konnten sich nicht auf ein Investitionsabkommen einigen, obwohl die Gespräche darüber bereits vor sechs Jahren begonnen haben. „Sich in der Mitte zu treffen, bringt nichts“, sagte Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking am Montag. „Schließlich ist die EU bereits viel weiter geöffnet als China.“

Seit Jahren drängt die EU (mit den USA) die chinesische Seite, ihre Märkte weiter zu öffnen, um mehr Symmetrie in den Wirtschaftsbeziehungen herzustellen. Ein Abkommen soll den Zugang europäischer Firmen zum chinesischen Markt verbessern und einen Investitionsschutz garantieren. Ebendiesen nämlich erhalten chinesische Unternehmen, wenn sie in EU-Staaten investieren.

Eine nicht ganz unberechtigte Grundangst europäischer Wirtschaftspolitik ist deswegen die Angst vor chinesischen Übernahmen. Wann immer es zu einer solchen kommt – wie zum Beispiel vor vier Jahren, als der Augsburger Robotik-Herstellers Kuka vom chinesischen Konzern Midea übernommen wurde – ist vom Ausverkauf des deutschen Mittelstands und gar von einer Übernahme des Wirtschaftsstandorts Deutschland die Rede. Auch im Zuge der Corona-Pandemie war es wieder so weit: Als im März die Aktienkurse weltweit einbrachen, fürchteten viele eine große Übernahmewelle aus Fernost.

Oft erweisen sich solche Befürchtungen als übertrieben. Tatsächlich deutet eine kürzlich erschienene Studie der Rhodium-Group nun sogar auf den gegenteiligen Trend hin. Nicht chinesische Firmen kaufen sich in Europa ein, sondern westliche Unternehmen verstärken ihr Engagement in China.

Für riskante Übernahmen fehlt das Geld

Das liegt vor allem daran, dass der chinesische Absatzmarkt für viele Unternehmen mittlerweile zum wichtigsten der Welt geworden ist. Zwar wird nach wie vor viel produziert in China, doch der Export ist für Peking nur noch eine kleine Wachstumssäule – gerade einmal 18 Prozent trägt er noch zur Wirtschaftsleistung des Landes bei, vor zehn Jahren waren es noch 26 Prozent.

Viel wichtiger ist längst der Binnenkonsum geworden. Dass in den vergangenen Jahren hunderte Millionen Chinesen den Aufstieg in eine kaufkräftige Mittelschicht geschafft haben, gehört zu den Meilensteinen der Entwicklung des Landes, das sich in vielen anderen Bereichen wieder zurück zum Totalitarismus entwickelt.

2009 war dies noch anders: Während die Welt unter den Folgen der Finanzkrise litt, legte Peking ein gewaltiges Infrastrukturpaket in Höhe von rund 500 Mrd. Dollar auf. Der Konjunkturaufschwung wirkte sich positiv auf die gesamte Weltwirtschaft aus. Viele chinesische Unternehmen drängten damals auf westliche Märkte. Erst ab 2016 flaute dieser Trend ab.

Heute aber ist die Situation eine andere: Der Verschuldungsgrad der chinesischen Unternehmen ist hoch, die Produktivität sinkt. Für riskante Übernahmen fehlt das Geld.

Kam es zwischen 2016 und 2018 noch zu 90 „Mergers and Aquisitions“ pro Monat waren es im vergangenen Halbjahr nur noch 30. Nicht nur die Zahl der Übernahmen schrumpft, sondern auch das Volumen: Das fiel im selben Zeitraum von 12 Mrd. Dollar im Monat auf 1,3 Milliarden.