ÜbernahmenWie Europa sich gegen Chinas Einkaufstour wehrt

Auf der Schanghaier Industriemesse 2015 sah der Augsburger Roboterbauer Kuka schon sehr chinesisch aus. Kein Jahr später war er es tatsächlich
Auf der Schanghaier Industriemesse 2015 sah der Augsburger Roboterbauer Kuka schon sehr chinesisch aus. Kein Jahr später war er es tatsächlichdpa

An einem Nachmittag Anfang März lässt ein altgedienter Stratege durchblicken, dass ihm die Mittel ausgegangen sind. Matthias Machnig sitzt in seinem geräumigen Büro im Bundeswirtschaftsministerium, bläst Zigarettenrauch unter die Decke und spricht über einen Deal, der die nationale Sicherheit des Landes berührt. „Wir als Bundesregierung können das gar nicht beeinflussen“, sagt der Staatssekretär. „Der einzige Weg, die Übernahme noch zu verhindern, ist durch das Vorkaufsrecht von Elia.“

Es geht hier um Strom und einen von nur vier deutschen Übertragungsnetzbetreibern: 50Hertz. Durch seine Leitungen fließt die Energie, die in ganz Ostdeutschland, Hamburg und Berlin die Rechenzentren, Krankenhäuser und Verkehrsleitsysteme versorgt. Ein sensibles Geschäft, an dem derzeit der belgische Energiekonzern Elia die Mehrheit hält. Ausgerechnet China allerdings hat in diesem Frühjahr seine Finger danach ausgestreckt.

Die State Grid Corporation of China bot knapp 1 Mrd. Euro für 20 Prozent von 50Hertz. Zum ersten Mal hätte sich ein chinesischer Staatskonzern an kritischer Infrastruktur in Deutschland beteiligt. Der Kaufvertrag mit dem Minderheitseigner, einem australischen Fonds, war schon unterschrieben. Der Deal scheiterte nur, weil Elia Ende März – nach dem Interview mit Machnig – tatsächlich von dem Vorkaufsrecht Gebrauch machte.

Gerade noch mal abgewendet. Die Fragen aber, die der Fall 50Hertz aufwirft, bleiben. Wollen wir, dass China sich weiterhin nach Gusto in der deutschen Industrie bedienen kann – während die Bundesregierung kaum rechtliche Möglichkeiten hat einzugreifen? Falls nein: Wie könnte man Unternehmen vor Übernahmen abschirmen, ohne sie politischer Willkür zu unterwerfen? Was ist Deutschlands und Europas Antwort auf die Herausforderung durch ein China, das reicher und mächtiger wird – aber nicht liberaler?

Beschwerdeliste deutscher Unternehmen in China ist lang

Es ist ein Tasten nach Antworten. Doch auch wenn eine umfassende Strategie noch nicht gefunden ist: Es wird sich etwas ändern im Verhältnis zu China und auch an unserem eigenen System. Zu deutlich wandelt sich das Bewusstsein von Politikern und Managern, als dass alles beim Alten bleiben könnte. Friedolin Strack, als Geschäftsführer des Asien-Pazifik-Ausschusses des BDI so etwas wie der Cheflobbyist der deutschen Unternehmen, die in Fernost Geschäfte machen, nennt es „atemberaubend“, wie rasch sich der Diskurs über China gedreht hat.

Bisher galt: Deutschlands und Chinas Volkswirtschaften ergänzen sich. Die Deutschen verkauften den Chinesen Maschinen. Und die fertigten damit Güter, die wiederum wir importierten. Sicher, die Beschwerdeliste deutscher Unternehmen in China ist lang: Joint-Venture-Zwang, Diskriminierung bei Staatsaufträgen oder der Umstand, dass ganze Branchen für Übernahmen gesperrt sind. Doch leise maulend nahm man die Schikanen hin: Der riesige chinesische Markt war einfach zu attraktiv.

Dazu klammerten die Deutschen sich lange an eine fromme Hoffnung: Indem die Chinesen mit uns Geschäfte machten, würden ihnen auch die Vorteile unseres offenen Systems klar werden. All die jungen Chinesen, die in Harvard oder Heidelberg studieren, würden daheim nach und nach unsere Standards durchsetzen. Was hilft es, sie zu brüskieren, indem wir allzu vehement auf unsere Interessen pochen?

Noch heute wird diese Haltung in vielen Chefetagen gezeigt. Deutschland verdanke seinen Wohlstand dem Export, da könne es nicht vor anderen die Zugbrücke hochziehen, sagt ein Dax-CEO. Und setzt nach: Wichtig sei Reziprozität. Da aber liegt der Denkfehler: Man bekommt keine Gleichbehandlung von China, indem man der Nettere ist. Diese Erkenntnis ist nicht schön, aber zunehmend unausweichlich. Viele deutsche Manager wissen das, aber zieren sich, es auszusprechen – aus vorauseilendem Gehorsam vor den Chinesen (und den Aktionären, die keinen Stress mit dem wichtigsten Kunden wollen). Strategisch ist daran wenig.