TürkeiErdogans riskante Wette

Überlebensgroß wirbt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan von Plakaten für die Wiederwahl. Das Land wählt am 24. Juni ein neues Staatsoberhaupt und Parlament
Überlebensgroß wirbt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan von Plakaten für die Wiederwahl. Das Land wählt am 24. Juni ein neues Staatsoberhaupt und ParlamentGetty Images

Die einzige funktionierende Opposition in der Türkei ist die Lira. An dem geflügelten Wort ist viel dran. Das zeigte sich zuletzt, als die Landeswährung im Mai nur noch eine Richtung kannte: nach unten. Erst am Rand einer Währungskrise ließ Präsident Recep Tayyip Erdogan die Zentralbank gewähren und den Leitzins um drei Prozentpunkte erhöhen. Das stoppte den freien Fall – fürs erste.

Um jeden Preis, so scheint es, will Erdogan das Geld im Land billig halten, um das Wirtschaftswachstum nicht abzuwürgen – und seine Stammwähler nicht zu verprellen. Doch ewig kann das selbstherrliche Staatsoberhaupt nicht die Rechnung ohne den Wirt machen. Das nach dem Putschversuch 2016 eingeknickte Wachstum peitschte der Wirtschaftspopulist mit Großprojekten auf Pump und subventionierten Krediten wieder in die Höhe. Einem Abschwung wollte er mit vorgezogenen Neuwahlen am 24. Juni zuvorkommen. Nun überholt ihn die Realität.

Schlag auf Schlag folgt eine Hiobsbotschaft der anderen. Die Teuerung stieg Anfang Juni auf mehr als zwölf Prozent in Richtung Rekordniveau seit 2010. Die Messlatte der Einkaufsmanager für Auftragsbücher und Jobs fiel unter die Marke, die Expansion und Schrumpfen trennt. Der IWF rechnet für das laufende Jahr noch mit rund 4 Prozent Wachstum (nach 7,4 Prozent in 2017). Andere sind pessimistischer: Die Ratingagentur Moody’s erwartet nur 2,5 Prozent. Darlehen in Dollar haben sich seit Jahresbeginn um 20 Prozent verteuert. Seit Erdogans AKP in Ankara am Ruder ist, hat die Lira zu Euro und Dollar die Hälfte ihres Wertes verloren.


source: tradingeconomics.com

Crash in Zeitlupe

Die Lira halten sei „Vaterlandspflicht“, warnt Erdogan vor einem Ausverkauf. Doch selbst bedingungslose Verehrer, die ihrem Helden die autokratische Willkür vergeben und ihm seit 15 Jahren die Treue halten, müssen erkennen: Die besten Tage sind vorbei. Ohne Zweifel hat Erdogan mehr Türken Wohlstand gebracht, als die wechselnden Koalitionsregierungen davor. Aber als Anker der Stabilität allein taugt er nicht mehr für Investoren, die einem berechenbaren Schwellenland mit überschaubarem Risiko lange Geld anvertraut und das Wachstum finanziert haben. Die Geschichte dreht sich. Die Türkei braucht ein neues Narrativ, sagt der Ökonom Güven Sak. „Wir erleben einen Crash in Zeitlupe.“

Denn als Land mit chronisch geringen Ersparnissen war und ist die Türkei mehr als andere Schwellenländer auf Fremdfinanzierung angewiesen. Auf den globalen Finanzmärkten aber verändert sich das Gravitätszentrum. Die Liquidität wandert weg aus Argentinien, der Türkei und Indien in Richtung USA, wo Zinsen wie Anleiherenditen gerade nur eine Richtung kennen: nach oben. Es stellt sich die Frage, wie lange die türkische Wirtschaft dem Sog noch standhält – einen Schock aufschieben kann.

Während die Lira fällt, werden Importe teurer. Die Preise auf den Märkten für Fleisch, Geflügel und Obst steigen spürbar. Nicht nur türkische Mittelständler, die industrielle Halbwaren einführen, sind in Devisen verschuldet. Knapp 300 Mrd. Dollar sollen Unternehmen an Schulden in Fremdwährung angehäuft haben – zu 80 Prozent geliehen von türkischen Banken, schreibt die „New York Times“. Von drei größeren Holdings ist bekannt, dass sie Umschuldungsgespräche führen. Dass die Agentur Fitch 25 türkische Finanzinstitute auf „negative Watch“ gesetzt hat, lässt Schlimmeres wie eine Bankenkrise befürchten.

Zweckbündnis als Alternative

Wird Erdogan wiedergewählt, sitzt er im neuen Präsidialsystem fester im Sattel denn je. Dass er die Geldpolitik noch enger an sich ziehen will, hat er bereits angekündigt. Aus einem Klima der Einschüchterung, des Ausnahmezustands und der eingeschränkten Meinungsfreiheit heraus hat die schwache Opposition immerhin ein Zweckbündnis geschmiedet. Vier Parteien ziehen gegen die Ein-Mann-Herrschaft ins Feld,­ auch mit dem Versprechen, die Wirtschaft „in Ordnung zu bringen“: Die linksnationalistische CHP, die rechtsnationalistische IYI-Partei, die proislamische Saadet-Partei und die konservative Demokratische Partei. Drei der Parteien schicken Präsidentschaftskandidaten ins Rennen.

Stimmen Berichte von einer Art Wechselstimmung im Land, dann ist Erdogan erstmals angreifbar. Sahen viele Wähler in ihm bisher den Herrscher, der anpackt und Wohlstand schafft, so sieht eine Mehrheit in Umfragen inzwischen die wirtschaftliche Lage als Problem Nummer eins. Ob sie auch Erdogans Blick auf die Wirtschaft als gefährlich sehen, bleibt abzuwarten. Das Verbrauchervertrauen jedenfalls schwindet: Der Index gab im Mai gegenüber dem Vormonat 2,8 Prozentpunke nach.

Bliebe der der 63-Jährige unter 50 Prozent der Stimmen, müsste eine Stichwahl am 8. Juli entscheiden. Umfragen halten das für möglich – ebenso wie eine Niederlage der AKP im Parlament. Wenn die Gefolgschaft eines Fußballclubs als Stimmungsmesser taugt, dann könnte sich tatsächlich einiges verschieben. Der langjährige Chef von Fenerbahce Istanbul, der als Anhänger des Erdogan-Lagers gilt, wurde Anfang Juni abgewählt. Die Kampfabstimmung gewann der prominente Industriellensohn Ali Koc. Der Spross des größten türkischen Mischkonzerns zeigte vor fünf Jahren Sympathie für die Gezi-Proteste gegen Erdogan – war seitdem aber auch verstummt.