ReportageEr vertraute seiner Bank

Klaus Dittrich
Klaus Dittrich, 69, wurde in Dresden geboren, kurz vor dem ­Mauerbau setzte sich seine Familie in den ­Westen ab, zog nach Darmstadt. Dittrich wurde wie sein Vater Ingenieur, gründete ein Büro mit 17 ­Mitarbeitern
© Stephan Floss

Er empfindet nicht einmal Genugtuung, als er die Schlagzeile liest. Nur Wut. Bitterkeit. „Traumnoten beim Pflege-TÜV“, überschreibt die „Sächsische Zeitung“ den Artikel über das Seniorenheim An der Yenidze. Von „Bestnoten“ ist die Rede, von „Traumbewertungen“ durch den Medizinischen Dienst, von der „Top-Note 1,0“. Jeder Superlativ ein Nadelstich.

Klaus Dittrich, ein Mann Ende 60, groß und schlank, ein kühler Rechner und penibler Planer, ist der Bauherr des Senioren- und Pflegeheims. Es war seine Idee, es war sein Projekt und es war sein Grundstück, auf dem das Heim steht. Sein Konzept ging auf. 570.000 Euro Miete pro Jahr zahlt das Rote Kreuz, das entspricht einer satten zweistelligen Rendite. Die Warteliste ist lang. Wer einen Platz in den 74 Wohnungen haben will, muss sich vier Jahre gedulden.

Für Dittrich wäre ein Zimmer dort unerschwinglich. Er hat fast alles verloren. An dem Wohnheim, das seine Altersvorsorge sein sollte, verdienen andere. Dittrich fühlt sich „systematisch ruiniert“. Von seiner Bank. Er ist ruhig, wenn er darüber redet, doch innerlich bebt er. Er ist verbittert, will aber kämpfen.

Eine Fehlentscheidung, gleich zu Baubeginn, ließ die Kosten explodieren. Wie bei einem Dominospiel kippte der erste Stein. Dittrich unterstellt der Bank kein Kalkül. Zumindest anfangs. Doch die Entwicklung nahm eine Eigendynamik an, mit der wohl keiner gerechnet hatte. Und dann kam im Jahr 2002 auch noch die Jahrhundertflut.

„Statt aufzuklären, wurde vertuscht“

Wie bei vielen tragischen Verwicklungen gibt es einen Punkt, an dem es für die Beteiligten scheinbar kein Zurück mehr gibt. An diesem Punkt ist es dann teurer, frühere Fehler einzugestehen. Wurden auch im Fall von Dittrich solche Fehler gemacht? „Statt aufzuklären, wurde vertuscht“, glaubt Dittrich. Sein Hamburger ­Anwalt, ­Sören Maywald, spricht gar von Betrug, Veruntreuung und Unterschlagung.

Die Bank, die deutsche Tochter des schwedischen Finanzkonzerns SEB, weist jede Schuld von sich. Dabei gibt es viele ungeklärte Fragen. 26 hat Capital gestellt. Und keine wurde beantwortet. Das Institut verschanzt sich hinter einem Satz: „Wegen des laufenden Verfahrens geben wir keine Auskunft.“ Bereits zweimal zog Dittrich vor Gericht, wollte die Zwangsversteigerung des Heims verhindern. Einmal unterlag er, das zweite Verfahren ist noch anhängig. Bislang fehlten Dittrich die Beweise, die Auszüge zu seinen Darlehenskonten, die er nie bekommen hatte. Anhand derer glaubt er belegen zu können, wie es zu seinem Ruin kam.

Über Jahre verweigerte die Bank die Einsicht in die Dokumente, behauptete, Dittrich hätte alle Unterlagen bereits erhalten. Eine erneute Aushändigung sei daher nicht nötig. Erst im Sommer 2013 stellte die Bank ihm einen Teil der Dokumente zu. Und die werfen ganz neue Fragen auf.

„Es ist außergewöhnlich, wie viel Mist hier gebaut wurde“, sagt ­Ralph Hans Brendel. Er ist Vorsitzender des Bundesverbandes Kreditsachverständige und Kontenprüfer. Privatpersonen, Unternehmen, aber auch Gerichte und Staatsanwälte zählen zu seinen Kunden. Brendel ist einiges gewohnt. Er weiß, wie Banken ticken, wo sie tricksen. Seit 25 Jahren macht er das. In 90 Prozent aller Fälle werde er fündig, sagt er. Meist geht es um sechsstellige Summen. In der Regel vergleichen sich seine Mandanten mit den Banken. Seine Quote: Über 70 Prozent der eingeforderten Summe zahlen die Institute zurück – außergerichtlich und, wenn möglich, lautlos. Denn nichts ist verheerender als ein Grundsatzurteil.

Brendel hat Dittrichs Daten geprüft – und ist entsetzt. So etwas, sagt er, habe er noch nicht gesehen. Schon anhand der unvollständigen Unterlagen sei erkennbar, dass die Bank „sich verrechnet“ habe. Bislang hat der Gutachter bereits eine Differenz von über einer Mio. Euro zugunsten von Dittrich festgestellt.

Auch wenn der Fall wohl außergewöhnlich ist – er stehe, sagt Brendel, stellvertretend für das Gebaren vieler Banken. Denn die Kunden würden meist blind dem Zahlenwerk der Institute vertrauen.

Dittrichs Leidensgeschichte fängt mit einem Grundstück in Dresden an. 1899 wurde es erstmals von seinen Vorfahren bebaut. Kurz vor dem Mauerbau, Klaus Dittrich war noch ein Kind, setzte sich die Familie in den Westen ab. In Darmstadt fanden sie ein Zuhause.