KommentarEine neue Hoffnung - oder warum Moderna der „Monkey 47“ der Impfstoffe ist

Wandbild an einem leerstehenden Geschäftsgebäude, das die Corona-Krise thematisiert
Wandbild an einem leerstehenden Geschäftsgebäude in Bochum: Mit fortschreitender Impfkampagne wächst die Hoffnung auf NormalitätIMAGO / Jochen Tack

Es sind andere Diskussionen und Schlagzeilen dieser Tage, Nachrichten der Hoffnung, des Optimismus, der Aussicht auf einen Sommer mit etwas Normalität. Plötzlich erreichbar, verdammt nah und real. Und auch wenn Ostern erst vier Wochen her ist, so scheinen das Chaos von damals, das „Osterruhe“-Debakel und der Brücken-Lockdown, der Kontrollverlust und das Führungsvakuum weit weg.  Nicht in einer Welt von gestern, aber aus einem Zustand, der überwunden ist.

Noch gibt es Nachwehen und Nachbeben, Klagen gegen Ausgangssperren und Debatten um Priorisierungen (die diese Woche für AstraZeneca aufgehoben wurden). Der große, elendige Knoten aber ist geplatzt, die Trendumkehr bei den Inzidenzen scheint früher zu kommen als erwartet, die Infektionszahlen sinken, und man führt immer öfter andere Gespräche: nicht über neue Lockdown-Regeln, Erschöpfung im Homeoffice und Homeschooling, also diese ganze Corona-Müdigkeit, sondern über Impftermine und Lockerungen für Geimpfte und Genesene.

Man muss längst nicht mehr verschämt bekennen, dass man ja schon vergangenen Dienstag dran war („…zwar nur mit AstraZeneca, aber…“). Man spricht immer mehr mit Menschen, die geimpft sind oder Termine haben. Und wer einen Termin hat, legt einen Schalter im Kopf um. Und wer Biontech im Oberarm hat, fühlt sich wie damals, als man mit neuen Nike Airs auf dem Schulhof rannte, statt nur mit einem Puma-Schuh. Oder, um mal in die Getränkeanalogie zu wechseln: AstraZeneca ist der „Gordon‘s“ unter den Gins, Biontech „Hendrick’s“ und Moderna ungefähr das, was vor einigen Jahren „Monkey 47“ aus dem Schwarzwald war. Hot Shit. Ist doch okay.

Die Normalität erscheint am Horizont

Über all das würden Ärzte und Wissenschaftler die Köpfe schütteln, sie würden sagen: Hauptsache geimpft, und man solle als Laie nicht Impfstoffe untereinander, sondern eine Impfung mit einer Infektion vergleichen. Ich würde sagen: Recht haben sie, aber wie schön, dass wir solche Gespräche überhaupt führen!

Wir reden nicht mehr über die jüngsten Windungen einer hilflosen Lockdown-Bürokratie, ob man auch mit fremden Hunden Gassi gehen darf, sondern über: die Aussicht auf Normalität, auf Cafés, die bald öffnen, Theater- und Kinobesuche; über Büros, in denen man im Juni oder Juli wieder mit Kollegen in Kaffeeküchen steht; über Buchungen für den Sommerurlaub, bei denen man nicht allein auf die Stornierungsfrist schaut, sondern auf den Swimming Pool.

Normalität also. Nicht sofort, nicht vorschnell, nicht in Gänze, nur in Ansätzen, in behutsamen Öffnungsschritten – die Absage des Oktoberfestes diese Woche zeigt, wie weit es noch bis zur heilen Welt von gestern ist. Die Pandemie ist mitnichten vorbei. Aber Berichte über Flickenteppiche, über „Wirrwarr und Willkür“, über die sich die „Bild“ aufregt, weisen nach vorne: In Kinos darf man in Bayern, aber Maß und Henderl nur draußen verzehren! MeckPomm lässt Geimpfte wieder einreisen, sie dürfen aber nicht übernachten! Nun, das sind Restzuckungen einer erschöpften Lockdown-Gesellschaft, über die wir im August vielleicht lächeln werden.

Es geht voran!

Es zählen nur Zahlen. Und die stimmen: An manchen Tagen haben wir über eine Millionen Impfungen – 15.479.941 waren es im April, was leicht über der prognostizierten Lieferung liegt. 33,6 Millionen Dosen wurden insgesamt verabreicht, 31,5 Prozent der Deutschen haben eine Erstimpfung erhalten, pro Sekunde werden in Deutschland acht Personen geimpft.

Infografik: Impftempo steigt deutlich | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Ein neues Pärchen macht derweil Karriere, nach Habeck oder Baerbock und Laschet oder Söder: „Geimpfte und Genesene“. Über die wird nun geredet und gestritten, was sie dürfen und was nicht. Sie seien wie Joko und Klaas, witzelte schon der Hörfunk- und Fernsehmoderator Micky Beisenherz – ein „Duo, die kriegen immer einen Tisch im Restaurant“. Oder um das Bild zu wechseln: Geimpfte, sagte Beisenherz, flögen nun First Claas, Genesene Business Class, Getestete Economy – und der Rest sei noch im Frachtraum. Aber der leert sich eben schnell. Es ist auch eine Debatte, die in einigen Monaten vorbei sein dürfte.

Blockade aufgelöst

Was ist nun wichtig? In einem Wettkampf würde man sagen: konzentriert bleiben, nicht nachlassen, sich nicht siegessicher fühlen. Wir sollten nicht nochmal durch hektische, nicht durchdachte Maßnahmen das Erreichte verspielen. Nicht in Sicherheit wiegen, wie im vergangenen Herbst. Das spricht nicht gegen Modelle wie Tübingen oder Rostock, es war wichtig, dass überall im Land neue Lösungen gesucht wurden. Aber die große Lösung war eben doch nur die Impfkampagne, und hier liegt ein guter Monat hinter uns, und der Mai wird sehr wahrscheinlich genauso gut werden.

Das Land hat kein Wunder vollbracht oder plötzlich den Pragmatismus entdeckt, wir haben lediglich eine Blockade aufgelöst. War der Zorn an Ostern also übertrieben? Wer nur auf Impflieferungen schaute, – und es gab im Februar und März eben noch nicht genug Dosen – der wird sagen: Man konnte nicht verimpfen, was nicht da war. Was aber fehlte, waren Klarheit und Führung. Diese Erfahrung einer überforderten Bürokratie und Staatsapparates bleibt, auch als Imperativ für die Zukunft.

Denn der Knoten platzte ja nicht, weil sich die Ministerpräsidentenrunde neu erfunden hat oder Faxgeräte digitalen Akten und Apps wichen – sondern weil der wichtigste Schauplatz nicht mehr die Ministerpräsidentenkonferenz war. Es waren die Praxisräume Tausender Hausärzte, im Verbund mit im Akkord arbeitenden Impfzentren. Wenn bald noch Betriebsärzte dazukommen, wird das große Ziel erreicht.

 


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