LesestoffEin großer Schluck für die Menschheit

Direkt über den schroffen Felsen der schottischen Insel Islay liegt die kleine Destillerie Ardbeg – ein Ensemble aus weißen, gekalkten Steingebäuden
Direkt über den schroffen Felsen der schottischen Insel Islay liegt die kleine Destillerie Ardbeg – ein Ensemble aus weißen, gekalkten Steingebäuden
© Robert Ormerod

Mickey Heads schmeckt die Luft. Er steht vor einem Ensemble aus weiß gekalkten Gebäuden mit kantigen, kurzen Schloten, die an Kirchtürme erinnern, benetzt seine Lippen und kostet von dem Film, den der Herbststurm auf sein Gesicht gezaubert hat. „Salzig“, sagt Heads und nickt zufrieden. Er liebt den Geschmack seiner Heimatinsel, das raue Klima, die grauen Tage, den Nieselregen. „Die Luft hat hier ihr ganz eigenes Aroma“, sagt er. „Und das schmeckt man auch im Whisky.“

Der Atlantik peitscht an diesem Tag seine Wogen gegen die schroffen Felsen, die vor Islay aus dem Meer ragen, zerstäubt sie über den Hebriden. Der Mann im dunklen Pullover mit den kurzen, weißen Haaren streckt sein rundes Gesicht der See entgegen, inhaliert die Brise, als schnuppere er an einer Blume. Dann atmet er aus. Und lächelt. „Der Torf absorbiert die Luft, das Salz“, sagt Heads. „Das prägt den typischen Islay-Geschmack, der beim Trocknen der Gerste über Torfrauch entsteht.“

In Schottland gibt es vier Whiskyregionen: die Highlands, die Lowlands, Speyside und eben Islay. Das Spezielle am Islay-Whisky ist, dass die gemalzte Gerste über brennendem Torf getrocknet wird. Torf, der auf der Insel teilweise noch in Handarbeit gestochen wird. Der Torfrauch ist es, der den Inselwhisky unverwechselbar macht.

Warum sollte da jemand auf die Idee kommen, den Whisky woanders herstellen zu wollen? Zum Beispiel im Weltraum?

Heads leitet die zweitkleinste von den acht Destillerien der Insel: Ardbeg, zwei Jahrhunderte Tradition. Der 56-Jährige ist mit Whisky aufgewachsen, wie die meisten auf Islay, die nicht Hummerfischer oder Farmer sind. Schon sein Großvater und sein Vater haben in einer Brennerei gearbeitet. Heads lebt in Ardbeg, einer kleinen Ansammlung von Häusern, die einer der bekanntesten Destillerien Schottlands ihren Namen gibt. Der Whisky gilt als einer der komplexesten, rauchigsten und torfigsten Single Malts der Welt.

Der zehnjährige Scotch ist Ardbegs Klassiker. Hinzu kommen jährlich Sondereditionen mit zungenbrechenden Bezeichnungen wie Uigeadail oder Corryvreckan, den gälischen Namen für einen See auf Islay und einen Wasserstrudel vor der Insel. Dreimal hintereinander wurden die Sondereditionen von Ardbeg zum „Scotch Whisky of the Year“ gewählt. Der Stolz ist Mickey Heads anzumerken.

Destilleriechef Mickey Heads in der Lagerhalle. 25 000 Fässer reifen hier, jedes rund 3000 britische Pfund teuer, Whisky im Wert von knapp 100 Mio. Euro
Destilleriechef Mickey Heads in der Lagerhalle. 25 000 Fässer reifen hier, jedes rund 3000 britische Pfund teuer, Whisky im Wert von knapp 100 Mio. Euro
© Jens Brambusch