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Insolvenz Warum die einst gefeierte Lernplattform Charly pleite ist

Cecil von Croÿ führte das Start-up nach dem Tod seines Mitgründers Karl Bagusat allein weiter. Nach der Neuerfindung der Firma gewann er 2019 die Auszeichnung „Start-up des Jahres“
Cecil von Croÿ führte das Start-up nach dem Tod seines Mitgründers Karl Bagusat allein weiter. Nach der Neuerfindung der Firma gewann er 2019 die Auszeichnung „Start-up des Jahres“
© Viktor Strasse/ Tonka PR
Das Start-up PlusPeter wurde mit seinem kostenlosen Druckservice für Studenten deutschlandweit bekannt. Nach dem Tod des Mitgründers Karl Bagusat benannte sich die Firma in seinem Andenken in Charly um – und wollte mit einer neuen Lernplattform durchstarten. Jetzt ist das einstige „Start-up des Jahres“ pleite

Die Lern- und Marketingplattform Charly, vormals bekannt als PlusPeter, ist insolvent. Nach Informationen von Capital hat das Berliner Start-up bereits Ende Dezember ein Insolvenzverfahren in sogenannter Eigenverwaltung beantragt. Damit kann sich die Firma in Eigenregie sanieren. Noch ist die Rettung nicht gelungen: Am 1. März hat das zuständige Amtsgericht ein reguläres Insolvenzverfahren wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung eröffnet. Über diesen Schritt hatte zuerst das Portal Deutsche Startups berichtet.

Investoren sollen Firma retten

„Die durch die Covid-19 Pandemie hervorgerufenen Verwerfungen waren für uns auf Dauer zu viel“, bestätigt Charly-Gründer Cecil von Croÿ in einer E-Mail an Capital. Seit Jahresbeginn arbeite man an der operativen Restrukturierung und an einem Insolvenzplan. Der Geschäftsbetrieb laufe „uneingeschränkt“ weiter, betont von Croÿ. Ans Aufgeben denke er nicht. „Wir haben noch viel vor“, so der Charly-Gründer. Momentan spreche er „mit alten, aber auch neuen Investoren“, wie man das Unternehmen für die Zukunft aufstellen könne.

Charly wurde 2016 von Cecil von Croÿ und Karl, genannt Charly, Bagusat als Online-Copyshop gegründet. Das Unternehmen hieß im Zuge mehrerer Neuaufstellungen zuerst PrintPeter und später PlusPeter. Das Start-up startete zunächst mit einem kostenlosen Druckservice für Studierende. Nutzer können dort bis heute ihre Lernmaterialien hochladen und bekommen diese anschließend per Post zugesandt. Finanziell trägt sich der Service durch Werbebanner, die zwischen den Vorlesungsskripten platziert sind. Mit dem Modell wurde das Start-up deutschlandweit bekannt.

Bewegte Unternehmensgeschichte

2019 geriet das Unternehmen durch einen Schicksalsschlag ins Straucheln. Im März wurde Mitgründer Karl „Charly“ Bagusat auf dem Nachhauseweg von einem Auto erfasst und tödlich verletzt. Kurz darauf benannte sich das Start-up in seinem Andenken in Charly um. Noch im selben Jahr folgte die Neuaufstellung als Digitalunternehmen mit Online-Angeboten. Das Geschäftsmodell lief fortan zweigleisig: Neben seinem Printgeschäft führte Charly unter anderem eine Lernplattform, eine Karteikarten-App und eine Altklausuren-Datenbank ein.

Als einer der Pioniere im Bereich Edutech erhielt Charly in den vergangenen Jahren zahlreiche Preise. Ende 2019 wurde das Start-up bei einem Wettbewerb des Bundeswirtschaftsministeriums auf der Technologiemesse Ifa zum „Startup des Jahres“ gewählt.

Printlastiges Geschäftsmodell

Charly verzeichnete nach eigenen Angaben zuletzt mehr als 400.000 Nutzer. Für Studenten sind die Angebote kostenlos. Das eigentliche Geschäft macht Charly mit dem Verkauf von Werbeplätzen an Unternehmen, etwa mit Anzeigen in den gedruckten Vorlesungsunterlagen und auf der Lern-Plattform. Eigentlich ein cleverer Ansatz: Junge Akademiker sind für Unternehmen eine wertvolle Zielgruppe. Zudem war das Start-up bis vor kurzem Exklusiv-Vermarkter für die Werbeanzeigen auf dem sozialen Netzwerk Jodel. Die Zusammenarbeit habe man allerdings „vor mehr als einem halben Jahr beendet“, teilte ein Sprecher von Jodel mit.

Profitabel war das Start-up offenbar nie. In der neusten Bilanz von 2019 weist es einen Verlust in Höhe von 1,6 Mio. Euro aus, im Jahr davor lag das Minus bei 1,4 Mio. Auch vom Digitalisierungsschub in der Coronapandemie konnte Charly augenscheinlich nicht profitieren. Während Konkurrenten wie das österreichische Start-up Gostudent von Investoren mittlerweile mit mehr als 1 Mrd. US-Dollar bewertet werden, steuerte Charly in die Insolvenz.

Jüngste Finanzierung erst im November

Noch besteht für den Edutech-Pionier Hoffnung. Frisches Kapital könnte womöglich die Wendung bringen. Die Gesellschafterstruktur ist allerdings kompliziert. Geschäftsführer von Croÿ hält noch 7,9 Prozent an der Firma, wie Registerdokumente zeigen. Größter Anteilseigner ist die Technologieberatung des Unternehmers Holger Friedrich, Core SE, mit 17 Prozent. Danach folgen der ausgeschiedene Mitgründer Max von Waldenfels (11,8 Prozent) sowie eine Reihe von Business Angels.

Charly hat nach eigenen Angaben seit 2016 mehr als 7 Mio. Euro von Investoren eingeworben. Die letzte Kapitalerhöhung fand im November vergangenen Jahres statt, wenige Wochen vor dem Insolvenzantrag. Das deutet darauf hin, dass eine größere geplante Finanzierungsrunde geplatzt ist.

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