Kolumne Die verhaltene Freude der Bayer-Aktionäre

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Ein finaler Vergleich in den amerikanischen Glyphosat-Prozessen rückt näher. Aber die Abmachung räumt die Risiken für Bayer nicht vollständig aus

Die Börse reagierte freundlich, aber nicht euphorisch: Am Donnerstag und Freitag vergangener Woche stieg die Aktie der Bayer AG zweimal hintereinander kräftig an. Die vorgeschlagene Einigung mit den Anwälten der Glyphosat-Kläger lieferte den Stoff, auf den viele Aktionäre nun seit Monaten hoffen. Die gute Nachricht: Die finanzielle Belastung des Konzerns steigt nicht noch weiter an. Es bleibt bei rund 10 Mrd. Euro – viel Geld, aber längst in den Bilanzen von Bayer verbucht.

Doch die Begeisterung hält sich trotzdem in Grenzen. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe: Noch wissen wir nicht, ob der zuständige Richter in den USA den Schlussstein des großen Vergleichs auch wirklich akzeptiert. Es geht nicht mehr um die Altfälle, sondern um mögliche Prozesse in der Zukunft. Ein früherer Vorschlag, auf den sich der Konzern und die Anwälte bereits verständigt hatten, fand vor Monaten keine Gnade in den Augen des Bezirksrichters. Falls die Einigung dieses Mal durchgeht, dürfte die Bayer-Aktie noch einmal kräftig steigen. Falls wider Erwarten nicht, fällt sie massiv zurück.

Selbst wenn die Optimisten recht behalten, bleibt die Bayer-Aktie aber noch weit hinter ihren früheren Glanzzeiten zurück. Allmählich nähert sich der Kurs der Marke von 60 Euro. Die Analysten, die einen Kauf der Papiere empfehlen, geben ein Kursziel von durchschnittlich 64 Euro aus. Das scheint machbar. Vor dem missglückten Kauf des US-Konzerns Monsanto erreichte die Aktie jedoch einen Spitzenwert von 140 Euro. Man muss schon an Wunder glauben, um in den nächsten Jahren jemals wieder einen solchen Preis für die Papiere zu erwarten.


Bayer Aktie


Bayer Aktie Chart
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Das vielleicht wichtigste Risiko ist und bleibt Glyphosat für den Konzern. Die jetzige Vereinbarung mit den Anwälten der Kläger schließt künftige neue Prozesse nicht aus, sondern erschwert sie lediglich. Alles andere wäre wohl auch nicht mit amerikanischem Recht vereinbar. Der geschickte Versuch der Bayer-Juristen, den Rechtsweg in künftigen Fällen durch die Einschaltung eines Expertengremiums zu verbauen, ist offenbar endgültig gescheitert. Solange Bayer sein Glyphosat-Mittel Roundup in den USA verkauft, verschwindet der Schlagschatten neuer juristischer Niederlagen niemals ganz über dem Konzern. Die Börse wird diese Gefahr „einpreisen“, wie man so schön sagt.

Hinzu kommt: Selbst geschäftlich läuft es mit den Monsanto-Produkten nicht so rund wie bei der Übernahme des Konzerns erwartet. Bayer musste deshalb zuletzt seine Pläne zurücknehmen. Der Kaufpreis von 60 Mrd. Euro kann Bayer auch künftig nicht amortisieren – Vergleich in den USA hin oder her. Die Hoffnung von Bayer-Chef Werner Baumann, das ganze ungeliebte Thema irgendwann einmal ad acta zu legen, erfüllt sich nicht. Jedenfalls nicht in der Amtszeit, die Baumann in Leverkusen noch verbleibt. Mittelfristig braucht Bayer eine neue Strategie und einen neuen Kopf an der Spitze, um das Thema Glyphosat wenigstens in den Hintergrund zu drängen. Aber das weiß der neue Aufsichtsratsvorsitzende Norbert Winkeljohann längst.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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