InterviewDie USA entwickeln sich zum Epizentrum der Corona-Krise

Präsident Trump wirkt entschlossen, doch Kritiker werfen ihm vor, die Gefahr unterschätzt zu habendpa

Capital: Wie kommt es, dass sich die USA gerade zum Epizentrum der Corona-Krise entwickeln?

CHRISTIAN JASPERNEITE: Während beispielsweise in Italien die Dynamik der Infektionen leicht rückläufig ist, starten die USA gerade jetzt erst durch. Die USA haben genau acht Tage gebraucht, um von 1000 Infizierten auf über 50.000 Infizierte zu kommen. In China hat exakt diese Ausweitung 13 Tage benötigt. Diese fünf Tage Unterschied sind das Ergebnis einer großen Differenz in der Wachstumsrate; in den USA explodiert die Lage derzeit geradezu.

Was bedeutet das für die nächsten Wochen?

Nun stellt sich die Frage, wie es in den kommenden Tagen weitergeht. Dazu haben wir einige Szenariorechnungen angestellt, die beide für sich sehr optimistisch sind. Im ersten Fall unterstellen wir, dass die USA ab morgen auf den Wachstumspfad einschwenken, den China nach dem achten Tag nach Erreichen der 1000er-Marke bei Infizierten beschritten hat. Dieser Wachstumspfad würde zu knapp 150.000 Infizierten in zwei Wochen führen. Dies ist jedoch eine sehr optimistische Annahme, denn die USA sind keine Diktatur, in der man schon mal die Türen einer Mietskaserne von außen zuschweißen kann, damit keine Infizierten das Haus verlassen (genau das ist in China in Einzelfällen passiert). Die USA sind auch kein Land, in dem sich alle Menschen freiwillig über ihr Smartphone tracken lassen. Und schließlich hat auch die US-Regierung den Ernst der Lage scheinbar noch nicht ganz erkannt, so dass ein derartiger Wachstumspfad tatsächlich komplett ausscheidet.
Infographic: Where COVID-19 Has Been Confirmed in the U.S. | Statista You will find more infographics at Statista

Wie sehen denn die anderen Szenarien aus?

Theoretisch denkbar, aber immer noch mit heroischen Annahmen versehen wäre ein Pfad, bei dem die aktuelle Wachstumsrate bei Infektionen so abgeschmolzen wird, dass in etwa zwei Wochen die Wachstumsrate Null Prozent beträgt. Das führt dann zu etwa 300.000 Infizierten (bei hoher Dunkelziffer!) in zwei Wochen und entspricht etwa der Zahl der jetzt aktuell weltweit offiziell Infizierten. Wir haben uns für die Simulation realistischer Pfade daher auf professionelle Hilfe verlassen und einen Simulator verwendet, der in Fachkreisen als extrem leistungsfähig gilt, da er eine sehr hohe Zahl an krankheitsspezifischen Parametern berücksichtigen kann. Verwendet man die hier relevanten COVID-19-spezifischen Parameter und wählt als theoretisches Basisszenario eine Situation des „Laufenlassens“ ohne jegliches Eingreifen, könnten bis Ende des Jahres in den USA circa sieben Millionen Menschen an dieser Infektion sterben.

Das wäre eine Horrorprognose, aber wohl kaum wahrscheinlich…

Wir sind uns darüber bewusst, dass dies natürlich in keiner Weise ein realistisches Szenario ist. Die US-Regierung hat inzwischen reagiert, und auch viele Bundesstaaten und Städte haben teilweise schon vor vielen Tagen einen partiellen Lockdown verordnet. Zudem ist schwer einzuschätzen, ob in den kommenden Tagen (wovon wir ausgehen) auch in den USA noch drastischere Maßnahmen ergriffen werden. Wir haben zwei weitere Szenarien gerechnet, die wir beide für ähnlich wahrscheinlich halten. Beide kommen in etwa zu einer Todeszahl von knapp 700.000 Toten in den USA innerhalb der nächsten 200 Tage. In unserem Szenario drei sind wir etwas pessimistischer und unterstellen, dass die USA noch etwa 15 Tage den Ernst der Lage nicht hinreichend erkennen und dann aber besonders scharf reagieren. Hier stiege die Anzahl der Todesfälle schon auf über eine Million.

Wie verlässlich sind derzeit solchen Prognosen und Simulationen, unter der immer noch enormen Unklarheit über viele Faktoren?

Natürlich sind solche Simulationen mit extremen Unsicherheiten und Fehlerbandbreiten versehen, zumal nicht absehbar ist, welche therapeutischen Fortschritte in den kommenden Wochen gemacht werden. Zudem ist nach wie vor nicht ganz klar, wie hoch tatsächlich die Sterblichkeit im Fall eines stark belasteten Gesundheitssystems angesetzt werden muss. Die von uns angesetzten Annahmen befinden sich auf der vorsichtigen Seite, könnten sich aber in den kommenden Monaten dennoch als zu hoch erweisen. Die Botschaft ist aber auch losgelöst von konkreten Zahlen unmissverständlich. Wenn die USA nicht schleunigst und nachhaltig auf diese Krise reagieren, ist in vielen Städten der USA mit einer massiven Überforderung des Gesundheitssystems zu rechnen – und das bei einer gleichzeitigen Unterausstattung des Sozialsystems.

Wo steht das US-Gesundheitssystem im Vergleich zu Deutschland oder anderen europäischen Ländern?

Die Ausstattung mit Geräten zur künstlichen Beatmung ist etwas schlechter als in Deutschland, aber nicht wirklich schlecht im internationalen Vergleich. Das Problem liegt eher darin, dass in den USA viele Menschen sehr lange zögern, zum Arzt zu gehen, da die Behandlung im Zweifel teuer ist. Und gerade bei kritischen Fällen kommt es darauf an, mit der künstlichen Beatmung eher früher als später anzufangen.

„Ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit ist wahrscheinlich, eine Arbeitslosenquote von 20 Prozent nicht auszuschließen“

Christian Jasperneite

Sie haben ihre Kritik schon angedeutet – wie bewerten Sie das Krisenmanagement der US-Regierung?

Für die Trump-Administration ist das eine unkomfortable Ausgangslage in einem Wahljahr. Kein Wunder, dass die Regierung in dieser Zwickmühle Zeichen der Überforderung zeigt. Trumps Hoffnung, die US-Wirtschaft schon zu Ostern wieder zu öffnen, ist aus gesundheitspolitischer Sicht ein enormes Risiko. Allerdings weiß auch der US-Präsident, dass seine Wiederwahlchancen in einer Rezession und bei einem kollabierenden Aktienmarkt sehr gering sind.

Die wirtschaftlichen Folgen dürften auch in den USA verheerend sein. Manche Ökonomen rechnen mit bis zu 20 Prozent Arbeitslosigkeit. Was ist Ihre Erwartung?

In gewisser Weise hat die US-Regierung – um im Bild von Infektionskrankheiten zu bleiben – die Wahl zwischen Pest und Cholera. Kippt die Stimmung in der Bevölkerung aufgrund eines kollabierenden Gesundheitssystems, müssen Shutdown-Maßnahmen und staatliche Eingriffe stärker und länger ausfallen als bisher angedacht. Tut man dies, leidet wiederum die US-Wirtschaft, ebenfalls mit unabsehbaren Folgen für Bürger in einem Staat mit einem nur schwach ausgebildeten Sozialsystem. Ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit ist wahrscheinlich, eine Arbeitslosenquote von 20 Prozent nicht auszuschließen.

Die US-Regierung hat immerhin ein gigantisches Konjunkturpaket verabschiedet. Sind es die richtigen Maßnahmen und reicht das aus?

Immerhin hat man reagiert, und die Zielrichtung stimmt. Aber ob das reicht, weiß im Moment wirklich kein Mensch.

Welchen Einfluss könnte die Corona-Krise die US-Präsidentschaftswahlen im November haben?

Am Ende könnte es eine Ironie der Geschichte sein, wenn ausgerechnet ein chinesischer Virus das Ende der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Dominanz der USA beschleunigt und sich so für China die Chance bietet, die scheinbare (!) Leistungsfähigkeit diktatorischer Systeme zu belegen. Die Corona-Krise hat das Zeug dazu, eine Zeitenwende zu markieren.

 


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