KolumneDie unaufhaltsame Entkoppelung von China

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Am Mittwoch dieser Woche konstituiert sich im amerikanischen Pittsburgh der gemeinsame Handels- und Technologierat der USA und der Europäischen Union. Die erste Tagung dieses transatlantischen Gremiums mit dem englischen Kürzel TTC ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer gemeinsamen China-Strategie, auch wenn die Volksrepublik in dem Einladungstext zu dem Treffen gar nicht vorkommt. Offiziell geht es um „verbesserte Regeln“ für den globalen Handel und den Umgang mit modernen Technologien in den nächsten Jahrzehnten. Doch der klare Hinweis auf die „gemeinsamen demokratischen Werte“ der Partner zeigt, worauf TTC wirklich zielt: Erstmals wollen die Verbündeten ihren Umgang mit China kontinuierlich diskutieren und wann immer möglich auch koordinieren. Das gilt zum Beispiel für den Export sensibler Technologien, die von den Machthabern in Beijing zur Unterdrückung ihrer eigenen Bevölkerung eingesetzt werden könnten.

Beinahe wäre das Treffen in letzter Minute gescheitert. Die Verärgerung Frankreichs über die Entscheidung der australischen Regierung, U-Boote aus den USA statt wie bereits ausgehandelt aus Frankreich zu beziehen, sorgte in der letzten Woche für erhebliche transatlantische Irritationen. Die Absage der Tagung stand im Raum, aber am Schluss siegte die Vernunft. Die Episode zeigt auf jeden Fall: Der Weg zu einer gemeinsamen China-Politik dürfte noch steinig sein. Die Interessen der USA und der EU sind nicht deckungsgleich. Und beide Seiten werden auch weiterhin nicht immer an einem Strang ziehen, wenn es um konkrete China-Geschäfte geht.

Trotzdem sollte niemand daran zweifeln, dass die Entkopplung des Westens von der Volksrepublik durch den TTC-Prozess zusätzlichen Schub erhält. Die alte Taktik der Chinesen, Amerikaner und Europäer gegeneinander auszuspielen und sich auf diese Weise eine Vorzugsbehandlung zu erpressen, wird künftig mit ziemlicher Sicherheit deutlich schwieriger. So dürften die Partner stärker dafür Sorge tragen, den Export besonders leistungsfähiger Chips der allerneusten Generation an China zu verhindern. Auch die Ausfuhr von Gütern, die China für seine fortlaufende Aufrüstung nutzt, dürfte bald auf noch höhere Hürden treffen als bisher schon.

Die Führung in Peking reagiert deshalb schon jetzt, noch bevor der TTC-Prozess überhaupt in Gang gekommen ist, mit der Verstärkung ihrer Eigenständigkeit. Die Chinesen gehen davon aus, dass die guten Zeiten „harmonischer Beziehungen“ mit Ländern wie Deutschland zu Ende gehen und auch nicht wiederkehren. Auch sie betreiben deshalb ihrerseits eine Strategie der Entkopplung.

Die deutsche Industrie tut gut daran, sich nicht nur generell auf die neue globale Lage einzustellen. Sie sollte auch damit rechnen, dass alles viel schneller kommt, als bisher erwartet worden war. Im letzten Jahr hat sich die Tendenz zu einer Entkopplung erheblich beschleunigt. Das gilt für die Politik, die Finanzmärkte und auch die Realwirtschaft. Die nächste Bundesregierung wird ihre Außen- und Sicherheitspolitik neu justieren müssen. Und der Primat der Politik erzwingt am Ende auch eine Haltungsänderung bei den Konzernen, die sich bisher noch einer Kursänderung verweigern.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.