Kolumne Die teuren Jobgarantien der Bayer AG

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Der angeschlagene Konzern schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2025 aus. Ein kostspieliges Versprechen, dass sich Bayer eigentlich gar nicht leisten kann

Seit dem Ausbruch der Glyphosat-Krise verkauft die Bayer AG so viel Tafelsilber wie irgend möglich, um sich für die hohen Kosten eines Vergleichs zu wappnen. Die Restanteile an der früheren Chemietochter Covestro, die Mehrheitsbeteiligung an dem Chemieparkbetreiber Currenta und zuletzt der Konzernbereich Tiermedizin – alles muss raus, um die verheerenden Folgen der Monsanto-Übernahme zu bewältigen. Einen Teil des Geldes braucht Bayer aber auch, um den beschlossenen Personalabbau zu finanzieren, der viele Millionen Euro verschlingen wird.

Obwohl es eigentlich viele Gründe gibt, die Restrukturierung möglichst schnell und möglichst billig durchzuziehen, setzt der Vorstand auf die teuerste Variante. Bayer-Chef Werner Baumann verzichtet bis Ende 2025 auf betriebsbedingte Kündigungen und gibt sich zwei Jahre Zeit, den bereits angekündigten Abbau von 4500 Stellen zu organisieren. Das Zauberwort, um dieses Ziel zu erreichen, lautet: hohe, sehr hohe Abfindungen.

Das Ganze hat Tradition bei Bayer. Der Erhalt des Betriebsfriedens gilt seit vielen Jahrzehnten als höchstes Gut, die große Eintracht mit der Gewerkschaft IG Chemie auch. Davon will Baumann trotz Krise nicht abweichen – schon allein deshalb, weil er die Stimmen der Gewerkschaft im Aufsichtsrat noch dringend brauchen dürfte.

Bayer hegt und pflegt die Kernbelegschaft

Eine kleine Hintertür lässt sich der Konzern allerdings offen: Die Abmachung gilt nur für die mehr als 20.000 Bayer-Beschäftigten in Deutschland und nicht für die fast 100.000 anderen Arbeitnehmer in aller Welt. Auch das gehört zu den – mehr als fragwürdigen – Traditionen des Konzerns. Man hegt und pflegt die Kernbelegschaft in Leverkusen und holzt stattdessen anderswo umso mehr.

Auch wenn es also nur um eine Minderheit der Konzernbelegschaft geht, sind die Abmachungen mit dem Betriebsrat unterm Strich doch viel zu teuer. Derartig lange Jobgarantien passen nicht zur Wirklichkeit eines Konzerns, der durch die Monsanto-Urteile in den Vereinigten Staaten an die Grenze seiner finanziellen Leistungskraft kommen könnte. Noch kann niemand sagen, wieviel Milliarden Dollar Bayer am Schluss bei einem Vergleich oder gar bei weiteren Prozessniederlagen ohne einen Vergleich zahlen muss. Man fragt sich deshalb, was die vielen angelsächsischen Aktionäre – allen voran der aktivistische Hedgefonds Elliott – zu diesem Gebaren des Vorstands sagen.

Um die Aktionäre schert sich der Konzern nicht

Normalerweise enthalten langfristige Betriebsvereinbarungen eine Klausel für den Krisenfall, die in höchster Not doch betriebsbedingte Kündigungen ermöglicht. So dürfte es auch bei Bayer sein. Doch die Hürde, diese Klausel auch zu ziehen, ist sehr hoch. Betriebsräte empfinden es als Kriegserklärung des Managements, wenn ein Konzern von derartigen Absprachen wieder abrückt. Man kann also davon ausgehen, dass die Betriebsvereinbarung bis Ende 2025 halten wird – komme was wolle für den Konzern.

Irgendwie passt auch das zur Tradition bei Bayer: Um die eigenen Aktionäre, die am Ende alles bezahlen müssen, schert man sich nicht viel. Das funktioniert so lange, wie es die Anteilseigner noch mitmachen. Auf der letzten Bayer-Hauptversammlung verweigerten sie dem gesamten Vorstand bereits die Entlastung – ein einmaliger Vorgang in der ganzen deutschen Wirtschaftsgeschichte. Man hat nicht den Eindruck, dass sich seitdem sehr viel geändert hat bei Bayer.

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen .


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