KommentarDie Schönrechner von Griechenland

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Der IWF legt ein großes Mea Culpa ab. In einem internen Papier haben die Finanzfeuerwehrleute aus Washington jetzt eingestanden, dass sie leider viel zu optimistisch waren, als sie mit der EZB und der Europäischen Kommission das Rettungsprogramm für das bankrotte Griechenland aufstellten. Die griechische Wirtschaft stürzte sehr viel heftiger ab als von den Experten vorhergesagt. Die Staatsschulden wuchsen sehr viel schneller. Und mit den Reformen der Verwaltung und der Gesetze ging es sehr viel langsamer voran als erwartet.

In Zukunft müsse man die Politik der Kreditvergabe wohl „verfeinern“ und sie besser auf die besonderen Bedingungen einer Währungsunion abstimmen, resümiert das IWF-Papier.

Diese Selbstkritik des Fonds wird die Debatte über die Austeritätspolitik in Europa neu befeuern. Diejenigen, die vor einem „Kaputtsparen“ warnen, dürfen sich von hoch offizieller Stelle bestätigt fühlen. Sie werden dieses Papier als Beleg dafür anführen, dass inzwischen „sogar in Washington“ ein Umdenken eingesetzt habe.

Christian Schütte
Christian Schütte
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Tatsächlich muss man allerdings sehr bezweifeln, dass der IWF hier wirklich ganz neue Erkenntnisse gewonnen hat. Vieles von dem, was jetzt beklagt wird, war schon frühzeitig absehbar und auch den Ökonomen des IWF vollkommen bewusst. (So wie man auch heute schon absehen kann, dass die Annahmen für das europäische Rettungsprogramm in Zypern extrem optimistisch sind).

Das wirkliche Problem war, dass der Fonds seine Kredite an den Pleitekandidaten gar nicht hätte geben dürfen, wenn er die desaströse Lage der griechischen Staatsfinanzen nüchtern und realitätsgerecht beurteilt hätte. Um den fälligen Schuldenschnitt zu vermeiden und die Ruhe in der Eurozone zu bewahren, musste alles erst einmal irgendwie schöngerechnet werden.

Der übertriebene Optimismus ergab sich nicht aus ideologieverzerrten Wirtschaftstheorien – er war die politisch vorgegebene Pflicht.

Christine Lagarde, die damalige Finanzministerin Frankreichs und heutige Chefin des IWF, hat die Lage in einem Interview kürzlich wie folgt beschrieben: Damals seien zwar nicht alle Kriterien für IWF-Kredite erfüllt gewesen – aber es habe eben einen „schreienden Bedarf“ an Finanzhilfe gegeben.

Wo ein politischer Wille ist, ist auch ein Weg, hieß die klare Devise der Griechenland-Retter. Es sollte niemand erwarten, dass in einem solchen Umfeld solide Prognosen entstehen.

Fotos: © Getty Images; Stefan Boness/VISUM; Trevor Good