KommentarDie Notenbanken geben auf

Nur virtuell: Das Treffen der wichtigsten Notenbanker und Ökonomen in Jackson Hole fand diesmal per Videokonferenz stattimago images / Xinhua

Das Tal Jackson Hole am Fuße der Rocky Mountains ist ein Ort voller Mythen und Macht. Seit Anfang der 80er-Jahre treffen sich hier die wichtigsten Notenbanker und Ökonomen und diskutieren über Geldpolitik. Die Botschaften, die sie von hier aus in die Welt sendeten, bewegten weltweit die Märkte und die Wirtschaft, entschieden über das Auf und Ab, über Inflation, Zinsen und Vermögen.

In diesem Jahr aber fehlt dieser Glanz der Macht, man spürt eher Ohnmacht. Nicht, weil das Treffen in diesem Jahr virtuell stattfindet. US-Notenbankchef Jerome Powell hat am Donnerstag zwei Botschaften gesendet: die exakte Steuerung der Inflation – das gängige Inflationsziel liegt bei zwei Prozent – wird aufgegeben. Künftig kann die Teuerungsrate mal darunter- oder darüberliegen, das wird akzeptiert (die Notenbank Fed strebt ohnehin eher eine höhere Inflation an). Und die Zinsen werden über Jahre sehr niedrig bleiben. Man könnte es auch in eine Botschaft packen: Wir geben auf.

Wohlwollende Beobachter werten die Rede als pragmatischen Realismus, beziehungsweise als überfällige Anpassung an eine neue Zeit. Die „Financial Times“ begrüßt die „willkommene Evolution der Inflation“ und stellt fest, Powell habe mit einer Tradition gebrochen. Indes: „Diese Entwicklung wurde dringend benötigt.“ Das Inflationsziel sei überholt, denn es diente klassischerweise dazu, die Erwartungen von Unternehmen und Verbrauchern zu steuern und ihnen einen Rahmen für ihre Entscheidungen zu geben.

Eine Kapitulation

Auch die „Financial Times“ bemerkte allerdings ein großes „Mea culpa“ von Powell, das die Kritiker in den Vordergrund stellen. Denn die tektonische Verschiebung, die Powell verkündete, hat eine Vorgeschichte: Seit Jahren verfehlen Zentralbanken in aller Welt ihre Inflationsziele. Wir reden also über ein Eingeständnis, manche sagen: eine Kapitulation. Zugespitzt gesagt wirkt es so, als würde Nokia groß verkünden, die Marktführerschaft bei Handys aufzugeben. Das „Wall Street Journal“ bezeichnet die Rede zwar auch als „große Verschiebung“, stellt aber fest, dass es keine große Änderung der Politik geben werde – weil diese schon in die Aktionen der Fed eingebunden sei.

Und so waren manche Beobachter auch kritischer: „Die Fed ist am Ende ihrer Kräfte“, bemerkte die US-Nachrichtenagentur „Bloomberg“. Sie habe sich festgefahren, ihr Ausweg sei „to talk a good game“. Tatsächlich reiht sich die mächtigste Notenbank der Welt nun auch formal ein, sie teilt jetzt offiziell die ohnmächtige Realität der Europäischen Zentralbank (EZB) und des Vorreiters Japan. Diese Realität heißt: Die Zinsen sind niedrig, null, oder negativ, die Anleihekäufe laufen auf Hochtouren – und das Wachstum bleibt niedrig oder die Wirtschaft stagniert.

Es gibt allerdings einen Unterschied, der vielleicht ein Hoffnungsschimmer ist: Über Jahre wurde, zumindest in Europa, die Geldpolitik nicht ausreichend durch die Fiskalpolitik flankiert, also durch die Ausgaben der Regierungen. Das hat sich in Europa entscheidend geändert, durch den 750-Milliarden-Euro-Fonds der EU, aber auch durch eine expansive Politik in den wichtigsten Volkswirtschaften, vorneweg Deutschland. Die EZB ist nicht mehr der einsame Akteur, der den Laden zusammenhält.

Es fehlt eine Formel für Wachstum

Ob das ausreicht, um in einigen Jahren mit der Normalisierung der Geldpolitik zu beginnen, ist völlig offen. Dies hängt nicht nur vom Verlauf der Pandemie ab, sondern vom Wachstum in jenen Staaten, die schon vor Corona mit vielen Problemen zu kämpfen hatten. Dort wird es schmerzhafte Reformen geben müssen.

Denn während die Zinsen niedrig bleiben und die Schulden exorbitant steigen, fehlt ja vor allem eines: die Formel für Wachstum. Anders gesagt: Es wäre wünschenswert, wenn die Wirtschaft wieder heiß liefe oder gar überhitzte und Jobs entstünden. Und die Notenbank, das war die Botschaft dieser Woche, würde dann die Inflation erst mal laufen lassen. Frei nach Helmut Schmidt: Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit.

Es bleiben also manche Fragezeichen. Und wir werden einige Jahre warten müssen, bis Jackson Hole wieder ein Ort voller Glanz, Mythen und Macht ist.

 


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