Kolumne Die Musterkinder der Bayer-Familie

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Die Aktien der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie legen seit einem Jahr insgesamt kräftig zu – mit einer Ausnahme: Bayer. Mit Lanxess und Covestro kann der Mutterkonzern nicht mithalten

Was heute an der Börse unter den Namen Bayer, Lanxess und Covestro notiert, das gehörte einmal alles zusammen. Ende 2004 spaltete sich der größte Teil der Chemie vom Leverkusener Mutterkonzern ab und nannte sich Lanxess. 2015 folgte die Kunststoffsparte, die nun als Covestro AG firmiert. Alle drei Mitglieder der Bayer-Familie gingen seitdem durch einige schwere Krisen, stehen heute aber ganz unterschiedlich dar, wie ein Blick auf die Aktienkurse zeigt: In den letzten zwölf Monaten verdoppelte sich der Kurs von Covestro, die Aktien von Lanxess legten immerhin um die Hälfte zu und nur die Bayer AG selbst kommt nicht vom Fleck. Die Aktie bewegte sich zuletzt sogar etwas unter dem Preis vom März 2020.


Bayer Aktie


Bayer Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Auch im Vergleich zu anderen Chemie- und Pharmawerten fällt der Vergleich für Bayer ernüchternd aus. Die BASF-Aktie stieg in den letzten zwölf Monaten immerhin um fast 60 Prozent, die Evonik-Aktie um gut 50 Prozent, die Merck-Aktie um fast 40 Prozent. Nun spiegeln die Kurse an der Börse immer hauptsächlich die Hoffnung auf die Zukunft wider. Die Lage kann sich schnell wieder ändern und Garantien auf einen weiteren Anstieg gibt es nicht. Für die zurückgebliebene Bayer AG glimmt weiter die Aussicht auf eine finale Einigung mit den Glyphosat-Klägern in den USA, die einen erheblichen Schub am Aktienmarkt auslösen sollte. Doch selbst in diesem Fall dürfte es für den Konzern nicht leicht werden, die anderen Mitglieder der Bayer-Familie jemals wieder einzuholen. Ein schwaches Wachstum im Agrarmarkt und Patentabläufe für wichtige Medikamente dürften den Wiederaufstieg auch nach einer Beilegung des Streits in den USA bremsen.

Gelungene Umbauarbeiten

Was unterscheidet die Musterkinder der Bayer-Familie vom Mutterkonzern? Vor allem ein gelungener Umbau. Die Lanxess AG hat sich in den vergangenen Jahren unter heftigen Mühen vom früheren Kern des Unternehmens, dem Geschäft mit Kautschuk, getrennt. Durch kleine und mittlere Übernahmen stellt der Konzern sein Profil Schritt für Schritt auf immer hochwertigere Spezialchemikalien um. Mit der früheren „Resterampe“ des Bayer-Konzerns, so der Spott vor 15 Jahren, hat das Unternehmen nichts mehr zu tun.

Auch die frühere Kunststoffsparte der Bayer AG geht einen ähnlichen Weg wie Lanxess, wenn auch nicht so radikal. Bei Covestro steht das Stammgeschäft mit Schaumstoffen und Verbundwerkstoffen immer noch im Mittelpunkt. Aber der Konzern steigert seit Jahren den Anteil von Spezialprodukten, um sich im Wettbewerb mit chinesischen und saudi-arabischen Massenherstellern besser aufzustellen. Durch die erste große Übernahme Ende letzten Jahres, den Kauf eines Geschäftsbereichs der niederländischen DSM, stellt Covestro weiter die Weichen in Richtung Innovation. Noch bleibt der Konzern allerdings vom Auf und Ab der Weltmarktpreise für seine Stammprodukte abhängig.

Dass sich Tochterunternehmen nach der Abspaltung besser entwickeln als der Mutterkonzern ist keineswegs normal. Die Bayer AG wollte die Chemiebereiche ursprünglich loswerden, weil man sich keine ausreichenden Renditen versprach und mehr von Monsanto erhoffte als vom Traditionsgeschäft. Für Lanxess und Covestro wirkte die Trennung wie eine Befreiung. Für den Mutterkonzern aber erwies sich der Ausbau des Agrarbereichs mit Hilfe von Monsanto als Fehler, der das Unternehmen noch auf viele Jahre fesselt. Am Schluss tragen die Manager dafür die Verantwortung – gute hier und schlechte dort.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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