KolumneDie Krise fordert von Managern Charakter

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

In einer Krise stehen die Chefs unter ständiger Beobachtung. Ihre Mitarbeiter, die Kunden, die Öffentlichkeit – alle schauen noch genauer hin als sonst. Was in den vergangenen Jahren als Debatte über „Purpose“ eher blutleer dahin dümpelte, verwandelt sich quasi über Nacht in eine ganz praktische Diskussion: Verhalten sich die obersten Manager der Konzerne fair? Gehen sie persönlich mit gutem Beispiel voran? Erweisen sich die Konzerne wirklich als „good corporate citizen“ oder nicht? Die Corona-Krise wird so zum größten Charaktertest in der Wirtschaft seit langem. Und man kann jetzt schon sagen: Viele Manager bestehen ihn, einige aber auch nicht.

Gute Beispiele belohnen die Mitarbeiter eines Unternehmens sofort – mit höherem Einsatz und Loyalität. Beispiel Beiersdorf: Auf den Beschluss des Vorstands, 50 Mio. Euro für die Bewältigung der Corona-Krise bereitzustellen, reagierten die Mitarbeiter des Hamburger Konzerns spontan mit einer Dankaktion. Innerhalb von nur 24 Stunden gingen 1500 Fotos mit entsprechenden Botschaften in der Chefetage ein.

Schlechtes Verhalten verunsichert die Mitarbeiter nachhaltig – und die mediale Öffentlichkeit bestraft es sofort. Beispiel Adidas: Vorstandschef Kasper Rorsted handelte sich mit dem Beschluss, die Mietzahlungen einzustellen, den bisher größten Shitstorm in der Corona-Krise ein und musste schließlich eine peinliche Kehrtwende verkünden.

Gehaltsverzicht? Nicht alle ziehen mit

Was in keiner Krise geht (und in der jetzigen schon gar nicht): den Mitarbeitern Kurzarbeit und Lohneinbußen verordnen, aber selbst weiter hohe Vorstandsgehälter kassieren. Viele Chefs begreifen das sofort: Bei Daimler, Thyssenkrupp, der Lufthansa reagieren die Vorstände mit freiwilligem Gehaltsverzicht auf die prekäre Lage ihrer Konzerne. Anderswo hüllen sich die Spitzenmanager noch in Schweigen.

Und ausgerechnet bei der Deutschen Bank wird „noch diskutiert“, ob und in welchem Umfang die höheren Gehaltsklassen auf Boni verzichten. Dabei geht das Kreditinstitut im Vergleich zu seinen Kunden ohnehin besonders üppig mit Gehältern um: Nirgends in der Industrie gibt es so viele Einkommensmillionäre wie bei der Deutschen Bank. 1,5 Mrd. Euro zahlte das Institut noch in diesem Frühjahr an Boni aus. Dieses Geld fehlt nun, um die notwendigen Risikopolster in der Krise zu erhöhen.

Soziale Kälte

In diesen Zeiten sollten die Manager der großen Konzerne auch jedes öffentliche Wort wägen. Dass sie die Interessen ihrer Konzerne vertreten, ist weiterhin okay. Aber sie dürfen nicht in den Verdacht geraten, für ihr Geschäft notfalls auch über Leichen zu gehen. Die allenthalben zu hörenden Forderungen nach möglichst schneller Aufhebung der Quarantäne riechen nach Rücksichtslosigkeit.

Mit ihren polemischen Beiträgen haben sich Männer wie der Private-Equity-Investor Alexander Dibelius oder der Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle weder selbst noch ihren Unternehmen einen Gefallen getan. Die Forderung, ältere Menschen und andere Risikofälle sollten sich gefälligst selbst isolieren, fällt leicht, wenn man in einem Chalet in Kitzbühel sitzt oder auf einem Weingut in der Toskana. In der Praxis aber ist sie nur schwer umsetzbar. Mit „Haltung“ hatten diese Vorstöße gewiss nichts zu tun, eher mit sozialer Kälte.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.