GastkommentarKatastrophe Vollbeschäftigung


Sven Gábor Jánszky ist Zukunftsforscher und Direktor des „2b AHEAD ThinkTanks“. Auf seine Einladung treffen sich seit zwölf Jahren 250 CEOs und Innovationschefs der deutschen Wirtschaft und entwerfen Zukunftsszenarien und Strategieempfehlungen. Sein neues Buch „Das Recruiting Dilemma“ befasst sich mit dem Wandel der Führungsstrategien in der kommenden Ära der Vollbeschäftigung.


Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum sich in unserer Welt die Mitarbeiter bei den Unternehmen bewerben, und nicht die Unternehmen bei den Mitarbeitern? Schon die Frage kommt uns komisch vor, oder? Aber sie führt uns direkt in unsere Zukunft.

Die Antwort ist simpel. Es sind die Gesetze des Marktes. In einem Angebotsmarkt, also einer Situation mit mehr Angebot als Nachfrage, bewirbt sich das Angebot bei den Nachfragern. Diese haben die Macht der Wahl und die Macht, die Regeln und Preise zu bestimmen. Dies kennen wir, denn mit dieser Logik der Welt der Massenarbeitslosigkeit sind wir in den vergangenen Jahrzehnten aufgewachsen. Doch genau diese grundsätzliche Logik verändert sich: Der deutsche Arbeitsmarkt des Jahres 2025 wird ein Nachfragemarkt sein. Es wird mehr angebotene Jobs als arbeitende Menschen geben. Diese haben die Macht, die Regeln und Preise zu bestimmen. Vollbeschäftigung!

Was in einer solchen Situation des Mangels an Spezialisten geschieht, kennen wir alle aus dem Profifußball. Es gibt keine Stellenprofile mehr, keine Bewerbungsverfahren und Assessment-Center. Denn die Unternehmen bewerben sich bei den Menschen. Personalberater werden zu persönlichen Managern ihrer Stars. Und Unternehmen bieten nicht nur ihren Mitarbeitern ein „Corporate Life“ mit allen Vergünstigungen, sondern auch deren Familien. Genau dies wird in den kommenden zehn Jahren in nahezu allen Branchen in Deutschland geschehen.

Für die Unternehmen und ihre Führungskräfte bedeutet das einen rasanten Wandel ihrer Personalstrategien: Mitarbeiter werden bis 75 arbeiten wollen, Unternehmen werden betriebseigene Schulen gründen und Mitarbeiter an die Konkurrenz verleihen, heutige Personalchefs werden zu Chief Change Officers, Senior-Trainee-Programme und Unlearn-Strategien entstehen, und die Unternehmen werden ihre besten Mitarbeiter abstoßen, nur um sie zwei Jahre später wieder anziehen zu können.

Dauerhaft 2-5 Millionen fehlende Arbeitskräfte

Zugegeben! Das klingt nach Science Fiction. Doch warten Sie mit Ihrem Urteil bitte noch fünf Minuten. Beginnen wir mit den Fakten: Der deutsche Arbeitsmarkt verliert in den kommenden zehn Jahren 6,5 Millionen Arbeitskräfte, weil die vielen Babyboomer in Rente gehen und die geburtenschwachen Jahrgänge nachkommen. In der Summe ergibt das über die kommenden Jahre dauerhaft eine nicht zu füllende Lücke an fehlenden Arbeitskräften. Die optimistischen Studien sagen eine Lücke von zwei Millionen voraus, die Pessimisten gehen von 5,2 Millionen aus. Um es einfach zu sagen: Wir werden erleben, dass bei ordentlich ausgebildeten Mitarbeitern jede Woche zweimal der Headhunter klingelt. Das ist für Mitarbeiter das Paradies. Sie bekommen mehr Macht und mehr Geld.

Aber für Unternehmen ist es eine Katastrophe. Ihnen droht, was wir im vergangenen Jahr schon einmal bei einem Stellwerk der Deutschen Bahn in Mainz gesehen haben. Dort haben über drei Wochen die Spezialisten gefehlt. Was war die Folge? Die Züge fuhren an Mainz vorbei. Das Produkt wurde also nicht produziert. Genau das droht in allen Branchen.

Die neue Spezies der Arbeitswelt: Projektarbeiter

Das Dilemma für die Unternehmen ist dabei nicht nur der Mangel an verfügbaren Mitarbeitern. Viel wichtiger wird sein, dass sich die Lebens- und Arbeitsweisen der Mitarbeiter durch ihr neues Machtgefühl wandeln. Die deutlichste Auswirkung wird nach unserer Prognose sein, dass die heute übliche „Anstellung auf Lebenszeit“ auf etwa 30 bis 40 Prozent der gesamten Arbeitnehmerschaft zurückgeht.

Auf der anderen Seite entstehen etwa 30 bis 40 Prozent sogenannte Projektarbeiter. Diese sorgen für einen tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt. Denn sie lassen sich nicht auf Lebenszeit anstellen, sondern nur für ein Projekt; also für maximal zwei bis drei Jahre. Danach wechseln die Projektarbeiter zumeist wieder das Unternehmen.

Projektarbeiter kennen keine 38-Stunden-Woche, keine geregelte Kaffee- und Mittagspause, keine Hausschuhe im Büro, keine Prämie oder Lohnsteigerung aufgrund langjähriger Betriebszugehörigkeit. Sie wechseln ihre Arbeitgeber oft und schnell und gehören zu jener „Creative Class“, nach der seit Richard Floridas Buch „The Rise of the creative class“ Politiker, Wirtschaftsförderer und Trendforscher suchen. Doch nicht ihre Kreativität charakterisiert die neu entstehende Masse der Projektarbeiter, sondern ihre Arbeitsweise und ihr Verständnis der Arbeit als gestaltbares Element der Selbstverwirklichung in ihrer Patchworkbiografie. Nicht nur Partner, Kinder und Wohnorte werden zu Mosaiksteinen des individuellen Biografie-Patchworks sondern vor allem Jobs, Tätigkeiten und Projekte.