KommentarDie Insel der EU-Skeptiker

Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union hat die britische Volkswirtschaft an einen Kadaver gekettet. Großbritannien wird durch endlose bürokratische Vorschriften an eine Reihe moribunder Volkswirtschaften ohne Wachstumsaussichten gefesselt, und den britischen Exporteuren wird dadurch der Zugriff auf die schnell wachsenden Märkte des Commonwealth und der sich entwickelnden Welt versperrt.

Das sind auf den Punkt gebracht die Argumente der britischen Euroskeptiker. Ihre Sichtweise hat in den Jahren der in Zeitlupe ablaufenden Krise in Europa eine beträchtliche Kraft entwickelt. Die Tatsachen freilich erzählen eine ganz andere Geschichte.

Richard Lambert
Richard Lambert war Vorsitzender des Verbandes der britischen Industrie und Chefredakteur der Financial Times. Er ist Vorsitzender der britischen Banking Standards Review Council

Eine aktuelle Studie des Center for European Reform (CER) geht der Frage nach, was die Mitgliedschaft im gemeinsamen Markt Großbritannien tatsächlich bringt. Die gängige Antwort ist, dass die enge Verflechtung mit dem übrigen Europa dem Land den Zugriff auf einen Markt mit mehr als 500 Millionen Menschen eröffnet und der britischen Volkswirtschaft eine gesunde Dosis an Wettbewerb und Investitionen verpasst, die zur Steigerung der Produktivität beiträgt.

Der Binnenmarkt ist mehr als eine Freihandelszone

Das CER hat diese Analyse ein ganzes Stück weitergetrieben, indem es den britischen Handel mit Ländern inner- und außerhalb der EU gemessen und die Ergebnisse um die wirtschaftliche Größe und eine Reihe andere Faktoren, die sich auf den Handel auswirken – wie die Entfernung zu den Märkten – bereinigt hat. Auf dieser Basis lässt sich ermitteln, ob der britische Handel mit den anderen EU-Ländern größer oder kleiner ausfällt als angesichts der Größe und Lage ihrer Volkswirtschaften eigentlich zu erwarten.

Das Modell zeigt, dass die EU-Mitgliedschaft den britischen Handel mit den anderen EU-Ländern um mehr als  50 Prozent in die Höhe getrieben hat – etwa 130 Milliarden des Gesamtumsatzes von 364 Mrd. Pfund des Jahres 2013 sind auf sie zurückzuführen. Zum Vergleich: Der Wert des bilateralen Handels zwischen Großbritannien und China lag im vergangenen Jahr bei 43 Mrd. Pfund.

John Sprinford
John Springford ist Schriftführer der Kommission des Center for European Reform, die sich mit einem möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU befasst

Wie lässt sich dieser große „EU-Effekt“ erklären? Die Antwort ist, dass der gemeinsame Markt viel mehr ist als eine Freihandelszone. Der Handel ist schon seit Jahrzehnten zollfrei; der große Effekt stammt vom Abbau zollunabhängiger Handelsbarrieren, die auf unterschiedliche nationale Rechtsvorschriften zurückgehen. Ein in Großbritannien hergestellter PKW kann heute überall in der EU verkauft werden, ohne dass dabei die unterschiedlichen Sicherheits- und Emissionsstandards von 28 Mitgliedstaaten eingehalten werden müssen.

EU-Mitgliedschaft bremst Außenhandel nicht

Zudem hat die EU-Mitgliedschaft Großbritannien geholfen, im enormen Umfang Investitionen aus dem übrigen Europa anzuziehen. Im Jahr 1997 entfielen 30 Prozent der ins Land fließenden ausländischen Direktinvestitionen auf andere EU-Staaten, im Jahr 2012 war der Anteil der EU auf 50 Prozent gestiegen. Großbritannien ist zudem ein bevorzugter Standort für Anleger aus der übrigen Welt, die nach einer attraktiven Basis innerhalb des noch immer wachsenden Binnenmarkts suchen. Zwar stagnieren die europäischen Volkswirtschaften insgesamt gegenüber den Entwicklungsländern; der Handel zwischen den EU-Mitgliedern jedoch hat während des vergangenen Jahrzehnts rasant zugelegt.

In der CER-Studie gibt es keine Belege dafür, dass die britische EU-Mitgliedschaft den Handel mit der übrigen Welt gebremst hätte. Sie verweist zudem auf die explosive Zunahme des deutschen Handels mit China als Beleg dafür, dass es möglich ist, gleichzeitig inner- und außerhalb des Binnenmarktes Erfolg zu haben.

Die Euroskeptiker behaupten, dass bei einem britischen EU-Austritt, die Regierung in Handelsgesprächen mit anderen Mitgliedern ihnen die Bedingungen diktieren könne, weil Großbritannien ihnen gegenüber ein Handelsdefizit aufweist. Diese Länder würden mehr nach Großbritannien exportieren und seien daher stärker auf Großbritannien angewiesen als umgekehrt. Aber auch das ist ein schwaches Argument.

Die EU kauft die Hälfte der britischen Exporte, während kaum mehr als ein Zehntel der Exporte aus der übrigen EU auf Großbritannien entfällt – nicht gerade eine starke Verhandlungsposition. Zudem entfällt die Hälfte des Handelsüberschusses der EU gegenüber Großbritannien auf lediglich zwei Mitgliedstaaten: Deutschland und die Niederlande. Jedes neue Übereinkommen würde die Unterstützung der anderen EU-Länder benötigen, von denen einige mehr in Großbritannien kaufen als sie dorthin verkaufen.

Unternehmen warnen vor Austritt

So viel also zur trockenen Analyse. Wer wissen will, was all dies in der Praxis bedeutet, sollte die jüngsten Äußerungen von Diageo beachten, dem weltgrößten Hersteller von schottischem Whisky. Das Unternehmen erklärte, dass der freie Warenverkehr innerhalb des Binnenmarkts ihm einen erheblichen Nutzen böte, weil er die Notwendigkeit teurer Dokumentation für Lieferungen innerhalb der EU beseitige und direkte Kostenersparnisse und Skaleneffekte bringe.

Dank der Mitgliedschaft kann Diageo die Regeln beeinflussen, die dem Unternehmen europaweit einen Wettbewerb zu fairen Bedingungen ermöglicht. Und da Diageos Geschäfte über Europa und Nordamerika hinausreichen, werde es „immer wichtiger“, dass die EU sich weltweit für freien Handel und gemeinsame Standards einsetzt. Das gelte vor allem in den Schwellenmärkten, „wo wir und andere Konsumgüter-Unternehmen tendenziell vor größeren Problemen beim Marktzugang stehen.“

Natürlich gibt es eine Menge, was innerhalb der EU verbessert werden muss, und man kann Großbritanniens Mitgliedschaft nicht nur in Pfund und Pence bemessen. Doch die Auffassung, dass Großbritannien wirtschaftlich gesehen bei einem Kurswechsel sehr viel mehr zu verlieren als zu gewinnen hat, stützt der Bericht des CER deutlich.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

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