BankenDie EU-Kommission betreibt Finanz-Alchemie

Symbolbild: EU-Flagge
Symbolbild: EU-FlaggePixabay


Ein Gastbeitrag von Stefan Best im Branchen-Newsletter Finanz-Szene.de. Stefan Best, Diplom-Volkswirt, war Managing Director, Financial Institutions, bei der Ratingagentur Standard & Poor´s und ist Dozent an der Wiesbaden Business School, Hochschule RheinMain University of Applied Sciences.


 

Kann man durch die Veränderung der Kapitalstruktur die Kapitalkosten senken und somit den Unternehmenswert steigern? Diese Frage beschäftigt Praktiker und Theoretiker seit Langem. Die Antwort der Theoretiker ist seit den Arbeiten von Modigliani und Miller klar: Eine Veränderung der Kapitalstruktur schafft keinen zusätzlichen Wert. Die Praktiker kümmert dies nicht, denn immer wieder versuchen Finanzmarktakteure, ähnlich wie in der Alchemie, quasi aus dem Nichts Gewinne zu generieren. Auf den ersten Blick scheint dies sogar oftmals zu gelingen. Tatsächlich handelt es sich aber lediglich um eine Umverteilung von Werten bei der es, wie in einem Nullsummenspiel üblich, Gewinner und Verlierer gibt.

Politiker scheint dies jedoch nicht zu interessieren. So präsentierte die Europäische Kommission in jüngster Zeit gleich zwei Gesetzesvorschläge, die darauf abzielen, die Kapitalstruktur von Banken zu verändern. Und in beiden Fällen wurden die Vorschläge unter anderem mit einer Reduzierung der Refinanzierungskosten begründet.

Fall 1: Eine neue Klasse von Fremdkapital zur Herstellung der Abwicklungsfähigkeit

Im ersten Fall ging es um die Frage, mit welchen Kapitalinstrumenten Banken die – für eine Bankenabwicklung im Krisenfall notwendigen – Mindestanforderungen an Eigenmitteln und berücksichtigungsfähigen Verbindlichkeiten (MREL) finanzieren sollen. Diese Anforderungen zu MREL sind notwendig, damit im Abwicklungsfall eine ausreichende Höhe an Eigen- und Fremdkapital zur Verlustabsorption und Rekapitalisierung der Bank zur Verfügung steht, ohne dass öffentliche Mittel herangezogen werden müssen, um größeren Schaden für das Gemeinwesen abzuwenden.

Statt aber, wie es naheliegend gewesen wäre, den Banken vorzuschreiben, die MREL-Anforderungen ausschließlich mit Eigenmitteln – also Eigenkapital und nachrangigem Fremdkapital – zu erfüllen, wurde die Einführung einer neuen Klasse von Verbindlichkeiten beschlossen. Diese neuen sogenannten „nicht bevorrechtigten, vorrangige Schuldtitel“ dienen quasi als Puffer zwischen Nachranganleihen und den klassischen bevorrechtigten Verbindlichkeiten. Im Falle einer Bankenabwicklung würden also, da Eigenmittel im Regelfall nicht ausreichen, zunächst diese neuen nicht bevorrechtigten Fremdkapitaltitel abgeschrieben oder in Eigenkapital gewandelt („Bail-In“), bevor sonstige Verbindlichkeiten herangezogen würden.

Die Kommission begründete ihre Richtlinie offiziell wie folgt: Die Begebung von für Investoren risikoreicheren und somit aus Sicht der Banken teureren Schuldtiteln lasse sich durch die neue Anleiheklasse auf den zur Erfüllung der MREL notwendigen Betrag begrenzen. Gleichzeitig könne hingegen das risikoärmere und somit für Banken billigere Fremdkapital vorwiegend zur Finanzierung der Geschäftstätigkeit genutzt werden. Tatsächlich ist jedoch zu vermuten, dass mit der Einführung der neuen Titel die Umgehungsmöglichkeiten eines „Bail-In“ für klassische Verbindlichkeiten aufrechterhalten werden sollen.

Fall 2: Förderung von Covered Bonds durch harmonisierte Mindestanforderungen

Im zweiten, noch nicht beschlossenen Fall geht es um die Etablierung von EU-weiten Mindeststandards für Covered Bonds (Gedeckte Schuldverschreibungen), zu denen auch Pfandbriefe gehören. Die „Covered Bond Initiative“ ist eine von zwölf Maßnahmen zur Schaffung der sogenannten Kapitalmarktunion.

Charakteristisch für Covered Bonds ist, dass sie Investoren neben dem Anspruch gegenüber dem Schuldner einen vorrangigen Anspruch auf die Deckungswerte einräumen, mit denen die Covered Bonds besichert sind. Covered Bonds, obwohl sie bislang in der EU nicht umfassend definiert sind, werden seit vielen Jahren regulatorisch privilegiert, da sie aus Investorensicht als risikoarme Anleihen gelten. Entsprechend ist die Begebung von Covered Bonds für Banken kostengünstiger als die Begebung unbesicherter Anleihen.

Durch die Maßnahmen zur Förderung von Covered Bonds erhofft sich die Kommission, dass Banken aufgrund niedrigerer Finanzierungskosten besser in der Lage sein werden, die Realwirtschaft zu günstigeren Konditionen zu finanzieren. Zudem glaubt sie, dass durch die Verbreitung von Covered Bonds als sicherem Refinanzierungsinstrument für Banken ein positiver Beitrag zur allgemeinen Finanzmarktstabilität und Kreditversorgung geleistet werden kann. Dies wird damit begründet, dass Covered Bonds in der jüngsten Finanzmarktkrise sich als im Vergleich zu nicht besicherten Instrumenten stabil erwiesen hätten. Da die bislang am Markt üblichen Covered Bonds jedoch nur zur Finanzierung, insbesondere von Immobilien und des öffentlichen Sektors zugelassen sind, prüft die Kommission, ob zu einem späteren Zeitpunkt mit einer weiteren Initiative auch die besicherte Finanzierung von Unternehmen und Infrastrukturprojekten durch die Begebung sogenannter European Secured Notes zugelassen werden soll.