Kolumne Die Entmachtung der Bayer-Aktionäre

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Die Bayer AG nutzt als erster Dax-30-Konzern die Möglichkeit einer virtuellen Hauptversammlung. Das Vorgehen hinterlässt ein schales Gefühl. Bernd Ziesemer über die eingeschränkten Rechte der Bayer-Aktionäre

Jeder, der irgendwann schon einmal auf einer Hauptversammlung war, kennt die vielen Sicherheitsrituale. Die scharfen Kontrollen am Ein- und Ausgang des Aktionärsbereichs, die Lautsprecher in der Cafeteria und auf den Toiletten, die strenge Überwachung der Abstimmungen. Bei der Bayer-Hauptversammlung am Dienstag nächster Woche wird alles anders sein: Sie findet, wie es so schön im Bürokratendeutsch der Einladung heißt, „ohne physische Präsenz“ der Aktionäre statt.

Zum ersten Mal nutzt ein Dax-30-Konzern die Möglichkeiten des neuen Gesetzes zur Durchführung einer virtuellen Hauptversammlung im Internet. Viele andere Aktiengesellschaften folgen in den nächsten Wochen. Die Corona-Pandemie macht es möglich. Manche sagen: Sie erzwingt es sogar.

Juristisch ist das Vorgehen der Bayer AG wasserdicht, zum Teil ist es auch inhaltlich nachvollziehbar. Offiziell begründet der Konzern sein Vorgehen mit den Interessen der Aktionäre: Nur so könne man die „Dividende auch in schwierigen Zeiten zeitnah und in voller Höhe an unsere Anteileigner ausschütten“.

Rechte der Bayer-Aktionäre eingeschränkt

Ginge es jedoch allein um die Dividende, die ohne ausdrücklichen Beschluss der Aktionäre tatsächlich nicht gezahlt werden kann, dann hätten sich Aufsichtsrat und Vorstand auf die allerwichtigsten Formalien einer Hauptversammlung beschränken sollen: die Vorlage des Jahresabschlusses, die Entscheidung über die Verwendung des Gewinns, die Entlastung der Gremien und die Wahl des Abschlussprüfers. Auf der Tagesordnung der virtuellen Versammlung stehen jedoch auch ein neues (noch dazu absurd kompliziertes) Vergütungssystem für den Vorstand und eine Satzungsänderung zur Amtszeit des Aufsichtsrats. Beides hätte man ohne negative Auswirkungen auch auf einer späteren normalen Hauptversammlung beschließen können.

Warum ist das wichtig? Der Gesetzgeber hat das strikte Auskunftsrecht der Aktionäre nach § 131 des Aktiengesetzes für virtuelle Hauptversammlungen leider eingeschränkt und durch eine deutlich schwächere „Fragemöglichkeit“ über das Internet ersetzt. Das ist keine Kleinigkeit, sondern trifft ins Herz der Aktionärsrechte. Gerade zur Vergütung des Vorstands gibt es auf Hauptversammlungen regelmäßig besonders viele Fragen – auch und gerade bei der Bayer AG, wo Vorstandschef Werner Baumann zuletzt die Entlastung verweigert worden war.

Nicht weniger, sondern mehr Informationen sind notwendig

Außerdem ist überhaupt noch nicht klar, ob die Bayer-Aktionäre ihr Recht, Fragen an den Vorstand und Aufsichtsrat zu stellen, tatsächlich auch wahrnehmen können. Alle möglichen technischen Probleme sind denkbar. Brechen die Server am Tag der virtuellen Hauptversammlung zusammen, haben die Aktionäre Pech gehabt. Denn die Bayer AG schließt schon in der Einladung zum Aktionärstreffen jede Haftung für die „Funktionsfähigkeit und die örtliche Verfügbarkeit“ der Übertragung ins Internet aus.

In der Praxis verzichten die Bayer-Aktionäre auf der virtuellen Hauptversammlung also nicht nur auf die gewohnte Bockwurst mit Kartoffelsalat, sondern auf ein wichtiges Stück ihrer Macht als Eigentümer. Die Organe der Aktiengesellschaften wären gut beraten, diese Lücke des neuen Gesetzes nicht zu ihren Gunsten zu missbrauchen.

Notwendig sind nicht weniger Informationen als auf normalen Hauptversammlungen, sondern mehr. Man darf gespannt sein, wie der Vorstand der Bayer AG damit umgeht. Schließlich warten alle Aktionäre auf den Ausgang des Glyphosat-Vergleichsverfahrens in den USA, das sie am Ende viele Milliarden Euro kosten wird.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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