EnergieWarum die Energiewende ein Managementproblem hat

Die Anlage in Oberbayern ist gut aus­geschildert, steht aber weitgehend still
Das Gaskraftwerk Irsching in Bayern ist gut aus­geschildert, steht aber weitgehend stillSebastian Arlt

Von dem, was manche den nächsten „Irrsinn von Irsching“ nennen, sieht man heute nur eine Wiese, auf der ein Rasenmäher steht. Hier bei Ingolstadt will der Energiekonzern Uniper ein neues Gaskraftwerk bauen – von dem man hofft, dass es kaum benötigt wird. Ab Ende 2022, wenn alle Atommeiler in Deutschland abgeschaltet sind, soll es als letzter Sicherheitspuffer im Stromnetz dienen und ansonsten stillstehen. Weil aber kein Unternehmen der Welt sein Geld in ein neues Kraftwerk stecken würde, das nicht laufen soll, hat die Bundesregierung die Kosten den Stromkunden aufgedrückt. Die Höhe ist geheim, ein dreistelliger Millionenbetrag dürfte es sein.

„Wir sehen hier eine Bankrotterklärung der Energiewende“, sagt Josef Hasler, Chef des Nürnberger Kommunalversorgers N-Ergie. Hasler, ein nüchterner Manager, kann sich in Rage reden, wenn er am Baufeld für den Block Irsching 6 steht – hinter ihm das Gaskraftwerk Irsching 5, an dem N-Ergie beteiligt ist.

N-Ergie-Chef Josef Hasler ist mit seinem Unternehmen am Block Irsching 5 beteiligt.
N-Ergie-Chef Josef Hasler hat 100 Mio. Euro in Irsching investiert. Doch statt Strom produziert das Gaskraftwerk nur Verluste (Foto: S. Arlt)

Der 850-Megawatt-Block ging erst 2010 in Betrieb, im Innern steht eine der modernsten und effizientesten Gasturbinen Europas. „Mit Betonung auf steht“, sagt Hasler. Denn schon Irsching 5 ist heute nur ein Reservekraftwerk und produziert statt Energie Verluste. 2018 erzeugte die Anlage lediglich an zwei Tagen Strom. Ganze 15 Stunden lang.

Bis heute lässt sich Deutschland gern für seine Energiewende feiern – eine große Idee, die weltweit Strahlkraft entwickeln sollte. Doch je länger das „Jahrhundertprojekt“ läuft, desto klarer zeigt sich: Deutschland ist kein Vorbild für die Welt geworden. Die Bundesregierung verfehlt die wichtigsten ihrer Ziele beim Klimaschutz meilenweit, während andere Industriestaaten eigene, teils erfolgreichere Wege gehen. Im Energy Transition Index 2019 des World Economic Forum schafft es das Mutterland der Energiewende nur auf Platz 17, hinter Uruguay und Portugal.

Dabei hat kaum ein Land so viel Geld in den grünen Umbau gesteckt wie Deutschland, dem Bundesrechnungshof zufolge allein 160 Mrd. Euro in den vergangenen fünf Jahren – und damit doch so wenig erreicht. Klimaschützer klagen über mangelnde Fortschritte beim Abbau der Emissionen, Wirtschaft und Verbraucher über hohe Strompreise, Bürger über neue Windräder und Stromtrassen. In einem scharfen Bericht warnte der Rechnungshof im vergangenen Herbst: „Die Bundesregierung droht mit ihrem Generationenprojekt der Energiewende zu scheitern.“

Wie ist das passiert? Warum reißt Deutschland seine Ziele beim Abbau des Klimakillers CO₂, obwohl es heute mehr Ökostrom produziert als geplant? Warum hat sich das Land, das 1999 als Vorreiter des Klimaschutzes losgezogen ist, heillos im Mikromanagement verheddert? Warum dampfen 20 Jahre später die alten Braunkohlemeiler vor sich hin, und Gaskraftwerke werden gebaut, ohne zu laufen? Warum hakt es beim Netzausbau? Und nun sogar beim lange erfolgreichen Ausbau der erneuerbaren Energien?

Die kurze Antwort: Die Energiewende leide unter „echtem Managementversagen“, sagt Clemens Hoffmann, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik. Bis heute fehlt es an einer Gesamtstrategie und effektiver Steuerung – an allem, was erfolgreiches Projektmanagement ausmacht. Und die lange Antwort? Sie kann zum Beispiel in Irsching beginnen.