KommentarDie doppelte Heilung Amerikas

US-Präsident Joe Biden an seinem neuen Arbeitsplatz im Oval Office des Weißen Hausesimago images / MediaPunch

In Amtseinführungen amerikanischer Präsidenten mangelt es nie an Pathos, nicht an großen Worten und Formeln der Beschwörung, die einem Gänsehaut machen. Es gibt Momente, die lassen erschauen und innehalten. Das können die Amerikaner, unverdrossen. Die große Inszenierung, zusammenzukommen und etwas zu schaffen.

Es mangelt in den USA auch nicht an Aufrufen zur Einheit. Fast jeder Präsident hat sie in den vergangenen 150 Jahren beschworen, immer ging es darum, das Land zu heilen, zu einen, zu reparieren – oder wiederaufzubauen.

Bei Joe Biden war Einheit und Heilung das überragende Thema, und es ist die überragende Herausforderung. Selten zuvor wirkte die amerikanische Demokratie dabei so verletzlich wie in den vergangenen Wochen, auch wenn sie diese Woche eindrucksvoll gezeigt hat, wie sie sich behauptet. Das war nicht nur Pathos, sondern auch ein Bild der Stärke und Widerstandsfähigkeit.

In dieser in mehrfacher Hinsicht historischen Amtseinführung von Joe Biden wehten auf dem Feld vor dem Kapitol, das keine Spuren mehr seiner Erstürmung und Entweihung zeigte, tausende Flaggen statt einer jubelnden Menge. Sie überdeckten die Leere und wirkten aus der Ferne fast wie eine Imitation von ausgelassenen Massen.

Verlässlichkeit, Anstand, und Würde kehren zurück

Erstmals geht es um eine Heilung im doppelten Sinne: Mehr als 400.000 Menschen sind in den USA mit oder an Covid-19 gestorben, an dem „Jahrhundert-Virus“, wie der neue Präsident sagte. Das sind mehr Leben, als der Zweite Weltkrieg den Amerikanern abverlangt hat. Und in weiten Teilen gab es in den USA, auch wenn diese Pandemie jedes Land an Grenzen führt, ein schlichtes Versagen von Führung. Das wird sich ändern.

Heilung brauchen die USA auch in jeder Faser ihrer Gesellschaft. Man kann, ohne zu verklären und mit Vorschusslorbeeren um sich zu werfen, feststellen, dass mit Joe Biden wieder Verlässlichkeit, Anstand, Stil, Würde, Benehmen und Berechenbarkeit ins Weiße Haus und in die amerikanische Regierung zurückkehren – sein Wahlsieg und die Amtsführung markieren das zweite große Aufatmen der Welt nach der Verkündung, dass wir einen Impfstoff haben.

Die Reparatur nach außen, mit Blick auf das Ansehen und den Führungsanspruch der USA, ist denkbar und erreichbar, beginnt mit Dekreten (17 am ersten Tag) und einer radikal neuen Diplomatie. Das heißt nicht heile Welt und zurück auf Los, aber vor allem in Bezug auf Europa Dialog statt ständiger Drohung. Die Reparatur nach innen ist komplizierter, sie wird die Präsidentschaft Bidens überdauern.

Die Aufgabe, die vor dem neuen Präsidenten liegt, ist in ihrer Größe oft umrissen und beschrieben worden. Die Trümmer sind noch größer als jene, die Barack Obama 2009 nach der Finanzkrise vor sich hatte. Vor den USA liegen wichtige zwei Jahre, bevor im Kongress wieder mögliche andere Mehrheiten entstehen, die zu neuen Blockaden und Spaltungen führen. Biden muss liefern, in einer Dringlichkeit, die einmalig scheint.

Ein Albtraum ist vorbei

Weitere 1,9 Billionen Dollar an Stimulus hat Biden versprochen – das ist notwendig, aber bisweilen hat man auch den Eindruck, dass die Amerikaner Billion um Billion in immer neue Krisen und Konflikte schaufeln, ohne einen Ausweg wirklich gefunden zu haben.

Viel ist nun die Rede von den Republikanern, die sich sammeln, neu erfinden, spalten könnten oder aus dem Albtraum Trump aufwachen und sich aus seiner Geiselnahme befreien. Das ist richtig, und wird ein komplizierter und sehr spannender Prozess.

Aber auch die Demokraten müssen sich, da sie nun die Mehrheit haben, schmerzhafte Fragen stellen. Sie müssen sich fragen, warum sie bestimmte Wählerschichten nicht mehr erreichen. Sie müssen sich klar machen, dass bei einer Spaltung jede Seite ihren Anteil hat. Und, da manche Beobachter die kommenden vier Jahre als eine Art dritte Amtszeit Barack Obamas bezeichnen, müssen sie sich vor allem fragen, woran Obama eigentlich gescheitert ist.

Amerika hat einen neuen Präsidenten, der Hoffnung macht, die Welt hat einen neuen Präsidenten, der Hoffnung macht. Ein Albtraum ist vorbei, ein großes Gespenst verschwunden. Ob der gesamte Spuk aber so schnell verschwindet, ist zweifelhaft.

 


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