KolumneDie China-Lehrstunde der deutschen Industrie

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Wir haben uns an die täglichen Bilder von Straßenschlachten in Hongkong gewöhnt. Je mehr Videosequenzen wir sehen, umso weniger können wir sie begreifen. Wieviel der Gewalt geht von radikalen Gruppen am äußersten Rand der demokratischen Bewegung aus, wieviel geht auf das Konto einer erschreckend brutalisierten und führungslosen Polizei, wieviel inszeniert die machiavellistische KP Chinas hinter den Kulissen mit verdeckten Kadern, um den ganzen Aufstand gegen ihre Politik ins Unrecht zu setzen? Zu welche Antworten man auch kommt, eines bleibt klar: Es gibt nach wie vor keinen Mechanismus, um die seit Monaten andauernde Konfrontation einzudämmen. Eine Bewegung ohne klare Führung trifft auf eine chinesische Politik, die sich immer noch nach dem berühmten Diktum Maos richtet: „Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen“. Im Falle Hongkongs heißt das: Am Ende fällt der Führung in Beijing nichts anderes ein, als mit Gewalt zu drohen und, wenn das nicht reicht, auch Gewalt einzusetzen.

Was hat das alles mit der deutschen Wirtschaft zu tun? Mehr als man auf den ersten Blick denken sollte. Die stark im China-Handel engagierten Unternehmen, vor allem aus der Autoindustrie, glauben seit vielen Jahren an den Pragmatismus der chinesischen Führung. Sie blenden dabei gern aus, dass die Sachlichkeit der KP Chinas da endet, wo es um ihre Macht geht. Und was die Parteiführung als eine Gefahr für ihre Macht sieht, definiert sie seit einer Weile wieder sehr viel enger als man vor 20, 30 Jahren nach dem Beginn der wirtschaftlichen Reformpolitik hoffte. Der heutige Präsident und Parteichef Xi Jinping verlangt von seinen Partnern im Westen eine Art von Wohlverhalten und den Verzicht auf jegliche Kritik, der mit unseren Werten völlig unvereinbar ist. Am Ende ist sein Regime kompromissunfähig, wenn es auch nur im Geringsten ans Eingemachte geht.

Die Risiken des China-Geschäfts werden wachsen

Hongkong bietet in dieser Hinsicht die vielleicht wichtigste Lehrstunde für die deutsche Industrie. Aber auch auf vielen anderen Gebieten trifft sie zunehmend auf ein China, das sich nicht bewegen will, weil es sich letztlich nicht bewegen kann, ohne sein Herrschafts- und Geschäftsmodell zu gefährden. Auch in Sachen Huawei gibt es deshalb keinen Ausweg aus der Sackgasse: Jedes, aber auch jedes chinesische Unternehmen, egal ob privat oder staatlich, muss sich den Vorgaben der Parteiführung vollständig beugen. Und „Sicherheit“ – also die Kontrolle der eigenen Bevölkerung und die Bespitzelung des „feindlichen“ westlichen Auslands – steht ganz oben auf der politischen Prioritätenliste der KP Chinas. Was immer also Huawei auch im Westen zusichert – das Unternehmen kommt nicht aus dieser Zwangsjacke heraus.

Der sich entwickelnde Handelskrieg mit den Vereinigten Staaten ist nur der Beginn einer wachsenden Systemkonkurrenz. Auch dieser Konflikt kann jederzeit stark eskalieren. Viele geben der irrationalen Politik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump die Schuld daran. Aber der große Unterschied ist: Die USA verfügen über viele Handlungsmöglichkeiten in diesem Konflikt – China letztlich nicht. Das gesamte Wirtschaftsmodell der heutigen Führung in Beijing beruht auf einer Philosophie, die westliche Forderungen nach „Fairness“ und „Gleichberechtigung“ in den Handelsbeziehungen für naiv hält und den Wiederaufstieg des Reichs der Mitte letztlich als einzige relevante Handlungsschnur definiert.

Die drei gefährlichen H – Hongkong, Huawei und Handelskrieg – können sich deshalb nicht irgendwann in Wohlgefallen auflösen, wie viele deutsche Manager immer noch hoffen. Die Risiken des China-Geschäfts werden eher wachsen als sich verringern – auch wenn es keine zweite Amtszeit Trumps geben sollte. Das gilt vor allem, solange Xi Jinping am Ruder bleibt – möglicherweise noch sehr viele Jahre. Aber auch seine möglichen Nachfolger können nicht so leicht aus dem Korsett der kommunistischen Machtlogik heraus. Ein „chinesischer Gorbatschow“ bekommt keine Chance. Unsere Industrie muss deshalb ihre Geschäftsstrategien in China stärker an die neuen Realitäten anpassen – und darf nicht mehr den Kopf in den Sand stecken.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.