Interview„Die Alten wollen alles konservieren“

Wolfgang Gründinger
Wolfgang GründingerDavid Ausserhofer

Die deutsche Gesellschaft wird nicht nur immer älter, sondern die Alten regieren auch das Land – das Durchschnittsalter des Bundestags liegt immerhin bei über 49 Jahren. Wolfgang Gründinger nervt das. In seinem Buch „Alte Säcke Politik“ lässt der Publizist seinem Frust freien Lauf. „Alte Säcke“ nennt er Elitäre aus Wirtschaft, Politik und Medien. Damit sich etwas ändert, fordert Gründinger eine Lobby für die Zukunft – also vor allem eine für Kinder und Jugendliche. Sich selbst sieht der 35-Jährige als Zukunftslobbyist und Generationen-Erklärer. Er glaubt: die „alten Säcke“ brauchen dringend Nachhilfe – nur so könnten auch die deutsche Rentenpolitik und der Generationenvertrag bestehen.

Capital: Herr Gründinger, warum dominieren die „alten Säcke“ das Land, und junge Menschen gehen mit ihren Anliegen unter?

WOLFGANG GRÜNDINGER: Es fängt bereits damit an, dass die Jungen keine Zielgruppe für Politiker sind. Die Wählergruppe ist im Vergleich zu den Alten einfach zu klein. Abgesehen davon, dass Deutschland die zweitälteste Gesellschaft nach Japan hat, liegt es auch daran, dass man erst ab 18 Jahren wahlberechtigt ist. Und das ergibt überhaupt keinen Sinn. Warum soll zum Beispiel soll man mit 110 Jahren wählen dürfen, nicht aber mit 10? Als Kind wird man immerhin noch sehr lange unter den politischen Entscheidungen leiden müssen. Ich finde darum ein Kinderwahlrecht gut. Nur wenn wir die gleichen Mitspracherechte für alle haben, können wir auch eine Politik für alle gestalten.

Trauen Sie den „alten Säcken“ nicht zu, auch die Probleme der Jungen zu verstehen?

Sie tun es de facto jedenfalls nicht. Beim letzten Wahlkampf hat man das wunderbar am Beispiel Rezo gesehen. Der Youtuber hatte ein Video hochgeladen, in dem er die Klimapolitik der CDU scharf kritisiert und dazu aufgerufen hat, die Partei nicht zu wählen. Das Video hat heute über 16 Millionen Aufrufe. Kurz nachdem es erschienen war, hat die CDU-Führung die Lage noch heruntergespielt und den Youtuber lächerlich gemacht. Das zeigt: Die Alten verstehen die Medien und Sorgen der Jungen nicht oder ignorieren sie, weil ihre eigene Lebenswelt zu weit weg ist.

Wie wirkt sich diese Entfremdung auf die Rentenpolitik und den Generationenvertrag aus?

In Zukunft werden immer wenige Junge für immer mehr Alte bezahlen müssen. Das hält der Generationenvertrag nur aus, wenn das Renteneintrittsalter steigt. Die einzige Alternative wären steigende Beiträge und sinkende Renten. Aber das will natürlich keiner. Man muss allerdings auch sagen: Das deutsche Rentensystem ist zum Glück verhältnismäßig stabil. Auch wenn viele irrtümlich glauben, dass die Renten sinken: Tatsächlich steigen die Renten jedes Jahr an, und zwar trotz Inflation, und sind so hoch wie nie zuvor. Das ist eine gute Botschaft, die aber kaum einer wahrhaben will.

Die Deutschen sind aber auch keine Fans der Idee, länger zu arbeiten. Die Bundesbank hat für ihren Vorschlag, das Rentenalter auf 69 Jahre anzuheben, harsche Kritik geerntet.

Wir brauchen ein höheres Rentenalter nicht heute oder morgen, denn es ist ja noch nicht einmal die Rente mit 67 umgesetzt. Aber in einigermaßen ferner Zukunft sollten wir sagen: Bei höherer Lebenserwartung von drei Monaten sollten wir zwei Monate für die Arbeitszeit reservieren und einen Monat für den Ruhestand. Das führt am Ende ja dennoch zu längerer Rentenzeit als bisher. Probleme gibt es aber ja schon heute in der Tat bei Geringverdienern oder längeren Ausfällen etwa durch Kindererziehung, Arbeitslosigkeit oder längerer Krankheit. Da braucht man schnelle Nachbesserung. Ein guter Schritt ist daher die eben beschlossene Grundrente.

Sie beschäftigen sich jetzt seit drei Jahren mit den „alten Säcken“. Hat sich seitdem irgendetwas verändert?

Leider nicht, es ist sogar noch schlimmer geworden. Wir haben so viele Menschen in Wirtschaft und Politik, die am liebsten ein Einmachglas über Deutschland stülpen würden, um den Status Quo zu konservieren. Alles soll bleiben wie es ist. Und das ist kein rein deutsches Problem. In den USA zum Beispiel wurde Donald Trump ja hauptsächlich von Alten zum Präsidenten gewählt. Auch der Brexit ist die Folge eines Referendums, in dem vor allem alte Bürger für „Leave“ gestimmt haben.