KommentarDer Weg zur Vollinvestition

Robert Skidelsky, Mitglied des britischen House of Lords, ist emeritierter Professor für Wirtschaftspolitik an der Warwick University
Robert Skidelsky, Mitglied des britischen House of Lords, ist emeritierter Professor für Wirtschaftspolitik an der Warwick University
© Getty Images

Ein Gespenst geht um in den Finanzministerien und Zentralbanken des Westens – das Gespenst der säkularen Stagnation. Was, wenn es nicht zu einer nachhaltigen Erholung nach dem wirtschaftlichen Einbruch der Jahre 2008 bis 2013 kommt? Was, wenn die Quellen des  Wirtschaftswachstums versiegt sind – nicht nur vorübergehend, sondern für immer?

Dieser neue Pessimismus stammt nicht von Marxisten, die schon immer nach untrüglichen Zeichen für den Zusammenbruch des Kapitalismus Ausschau hielten, sondern aus dem Zentrum des politischen Establishments: nämlich von Larry Summers, ehemaliger US-Finanzminister unter Präsident Bill Clinton und dann und wann irgendwo immer Chefökonom.

Lawrence Summers
Lawrence Summers
© Bloomberg

Summers’ Argument lautet kurzgefasst: Wenn die erwartete Rentabilität von Investitionen sinkt, müssen auch die Zinsen in gleichem Ausmaß sinken. Doch Zinssätze können nicht unter null fallen (tatsächlich könnten sie über null feststecken, wenn ein starker Wunsch nach dem Aufbau von Barguthaben besteht). Das könnte dazu führen, dass Gewinnerwartungen unter die Kosten der Kreditaufnahme sinken.

Es besteht weitgehende Einigkeit, dass diese Entwicklung auf dem Tiefpunkt eines Abschwungs eintreten könnte. Um diese Möglichkeit auszuschalten, begannen die Zentralbanken nach 2008 Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Das wirklich Neue an Summers‘ Argument besteht in der Behauptung, dass die „säkulare Stagnation“ 15 bis 20 Jahre vor dem Absturz einsetzte.

Rendite in Richtung null

Die Zinsen sind zwar gefallen, aber nicht so rasch wie die erwarteten Renditen aus neuen Investitionen. Daher wurden die meisten westlichen Ökonomien sogar während der Jahre des Booms nicht durch neue Investitionen in Gang gehalten, sondern durch Vermögenspreisblasen auf Grundlage zunehmend untragbarer Schulden.

Die verallgemeinerte Version dieser These lautet, dass eine säkulare Stagnation – die anhaltende  Nichtausschöpfung potenzieller Ressourcen – das Schicksal aller Ökonomien ist, die auf private Investitionen angewiesen sind, um die Lücke zwischen Einkommen und Konsum zu füllen. Da Kapital in stärkerem Ausmaß zur Verfügung steht, sinkt die risikobereinigte erwartete Rendite für neue Investitionen in Richtung null.

Das heißt allerdings nicht, dass alle Investitionen zu einem Ende kommen. Könnte man das Risiko ausschalten, wäre es möglich, den Investitionsmotor am Laufen zu halten, zumindest vorübergehend.

An diesem Punkt kommen öffentliche Investitionen ins Spiel. Bestimmte Kategorien von Investitionen werfen möglicherweise nicht jene risikobereinigten Renditen ab, die private Investoren verlangen. Aber vorausgesetzt die Erträge sind positiv, lohnen sich diese Investitionen allemal. Angesichts von Zinssätzen nahe null und nicht beschäftigter Arbeitskräfte, ist es an der Zeit, dass der Staat den Wiederaufbau der Infrastruktur in Angriff nimmt.