InterviewSmalltalk? Mache ich nicht!

Klaus Schwab in der Zentrale des World Economic Forum in Genf
Klaus Schwab in der Zentrale des World Economic Forum in Genf
© Sebastien Agnetti

Die Zentrale des World Economic Forum in Genf ist ein Gebäude, das seine Größe geschickt versteckt. Um das Seeufer nicht zu verschandeln, durfte es nicht hoch gebaut werden. Hat der Besucher das schwere Tor der Einfahrt, die Sicherheitsschleuse und die Kontrollen passiert, liegt ihm das Reich von Klaus Schwab quasi zu Füßen: Der Blick reicht über das Dach direkt auf den See. Von oben wirkt der Komplex aus schwarzem Granit kühl, doch innen strahlen Holz und die großen Fensterfronten zum See Wärme und Weite aus. WEF-Gründer und Präsident Schwab empfängt im President Meeting Room. Wenige Tage zuvor ist er aus China zurückgekehrt, wo er unter anderem Präsident Xi Jinping traf und mit Alibaba-Chef Jack Ma dinierte.

Capital: Herr Schwab, vor 45 Jahren haben Sie erstmals einige Hundert Manager und Ökonomen zu einer Konferenz nach Davos eingeladen. Wie kommt man im Alter von 33 Jahren auf die Idee für solch ein Treffen?

Davos war nie ein Treffen, eher die Verwirklichung einer Idee. Es ging darum, eine Plattform ins Leben zu rufen, die Entscheidungsträger zusammenbringt. Die Idee kam mir, als ich an einem Buch schrieb. Ich war damals Professor und war nicht ganz ausgefüllt. In dem Buch ging es um moderne Unternehmensführung im Maschinenbau, und ich habe damals das Konzept der Stake­holder-Theorie entwickelt. Das heißt, dass ein Unternehmen nicht nur gegenüber Aktionären, sondern gegenüber allen verantwortlich ist, die ein Interesse daran haben, also den Kunden, Mitarbeitern, dem Staat und der Öffentlichkeit. Und dann kam die Frage auf: Warum nicht eine Plattform gründen, die alle Stakeholder zusammenbringt?

Wer brachte die Frage auf? Stimmt die Legende, dass Sie in Davos an einem Pool lagen?

Ich schwamm sogar in einem Pool gegenüber dem damals gerade neu eröffneten Kongresszentrum, das für das Jahrestreffen ein zentraler Ort geworden ist. Ich dachte, Davos sei in seiner Abgeschiedenheit ein idealer Ausgangspunkt für solch eine Plattform. Ich war damals sehr inspiriert von dem Begriff des „­Global Village“, den der kanadische Philosoph Marshall McLuhan in seinen Büchern entwickelt hatte. Ich wollte alle Stakeholder in einem globalen Dorf zusammenbringen, und dafür erschien mir Davos perfekt.

Sie waren damals Anfang 30 und nahezu unbekannt. Was haben Sie gemacht, um Ihrer Idee Gewicht und Prominenz zu geben?

Ich habe an den damaligen Präsidenten der europäischen Kommission, den Belgier Jean Rey, einen Brief geschrieben. Immerhin war ich ja schon Professor. Rey antwortete sogar und lud mich nach Brüssel ein. Nach meinem Besuch delegierte
er die Sache an seinen Vize und den späteren Regierungschef Frankreichs, Raymond Barre. Der hatte zwei Bedingungen: Erstens, es darf nicht um Profit gehen. Und es sollte auf dem Gebiet der Europäischen Gemeinschaft stattfinden. Ich sagte damals voller Illusion: Die Schweiz wird doch sicher bald EG-Mitglied. Also blieb es bei Davos, die Kommission übernahm die Schirmherrschaft für das erste Treffen. Barre ist dem Forum über Jahre verbunden geblieben.

Sie hatten Schirmherren – aber wie haben Sie das Ganze finanziert?

Das erste Treffen 1971 habe ich aus meiner eigenen Tasche finanziert. Dafür lieh ich mir auch Geld, unter ziemlich abenteuerlichen Bedingungen: Beim Golfspielen in Spanien hatte ich Eugen Klaussner kennengelernt, den Chef des Möbelherstellers Hukla aus Gegenbach im Schwarzwald, der zählte damals zu den Größten der Welt. Klaussner fragte mich: „Warum kommen Sie nicht zu mir in die Geschäfts­leitung?“ Ich lehnte ab, erzählte ihm aber von meinem Projekt. Da­raufhin lieh er mir das Geld, und die ­Abmachung war: Entweder zahle ich ihm die Summe zurück

… oder Sie treten doch in die Geschäftsführung ein?

Ja. Arbeitsrechtlich wäre das sowieso nicht durchsetzbar gewesen. Doch das erste Treffen, das noch European Management Symposium hieß, war ja ein voller Erfolg. 444 Menschen aus 31 Ländern kamen, und es dauerte zwei Wochen. Alle Teilnehmer sagten: „Das musst du jetzt jedes Jahr machen.“ Mit dem Gewinn aus dem ersten Meeting bezahlte ich meine Schulden zurück, und die restlichen 25 000 Franken brauchte ich, um die Schweizer Stiftung zu gründen. Das Forum hat sich also immer aus sich selbst finanziert.

Sie haben es gleich geschafft, prominente Amerikaner für das Forum zu begeistern. Woher rührte das Interesse in den USA?

Das hat viel mit meiner Zeit in Harvard zu tun. Ich wollte in den Sechzigern an die Harvard Business School. Da ich damals aber schon einen Doktortitel in Ingenieurwissenschaften hatte und dabei war, auch in Wirtschaftswissenschaften zu promovieren, schrieb ich an den Dean, George Pierce Baker, und fragte, ob ich gleich in das zweite Jahr einsteigen dürfe. Seine Antwort war: „No way.“ Im Katalog von Harvard entdeckte ich das Littauer-Ins­titut, die heutige ­Kennedy School. Und da stand, wenn man dort angenommen sei, könne man auch Kurse an anderen Instituten belegen. Da habe ich mir gesagt: Ich melde mich einfach dort an und springe so direkt in das zweite Jahr.

Und das hat der Dean erlaubt?

Ja, aber kurz nachdem ich 1966 anfing, bekam ich eine Einladung zum Tee im Dean’s House. Baker wollte den Deutschen kennenlernen, der das System überlistet hatte. So entwickelten wir eine enge Beziehung: Dean Baker wurde der Chairman von unseren ersten Treffen, was ­natürlich auf die akademische Welt in den USA ausstrahlte.

Sie hatten eine ganz schöne Chuzpe: schrieben Briefe an Kommissionspräsidenten, überlisteten die Harvard Business School, und dann luden Sie noch Hunderte Menschen aus aller Welt in einen Schweizer Luftkurort ein. Wie haben Sie das überhaupt organisiert?

Ich hatte tatsächlich keine Ahnung, wie man Konferenzen organisiert. Deshalb schaltete ich ein Inserat in der Zeitung. Es meldete sich eine Frau, Hilde Stoll, die beim Europäischen Bauernverband Konferenzen organisierte. Sie wurde die erste Mitarbeiterin des Forums. Wir hatten nur ein winziges Büro und standen wahnsinnig unter Druck: Gelingt es? Scheitern wir? Haben wir genügend Leute? Wir hatten Anmeldekarten gedruckt, und jedes Mal, wenn ein Brief kam, haben wir ihn gleich gegen das Licht gehalten, um zu gucken, ob eine drin war. Ein Jahr später haben Hilde und ich übrigens geheiratet, und sie schied formell aus der Organisation aus.