Big-TechDer liberale Abgesang auf das Silicon Valley

Facebook-Chef Mark Zuckerberg
Facebook-Chef Mark ZuckerbergGetty Images

Schon zehn Meilen außerhalb Washingtons wäre es schwierig, jemanden zu finden, der sich über Silicon Valley ärgert. In der Hauptstadt selbst ist die Marktmacht von Big Tech aber zum beherrschenden Thema geworden. In nur wenigen Monaten wandelte sich das Image von Firmenlenkern wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg oder Google-Chef Eric Schmidt vom Helden zum Buhmann der Nation.

Es ist die neue große Idee der Demokraten, die Konzerne aus dem Silicon Valley zu knacken – oder ihnen strengere Regulierungen aufzuerlegen. Das Problem liegt nur darin, dass die meisten Wähler diese Leidenschaft gar nicht teilen. Wenn Populismus funktionieren soll, sollte er aber populär sein.

Ohne Zweifel hätten amerikanische Wähler Grund genug, sich über die Bedrohung von Big Tech Sorgen zu machen. Aber das liberale Lager sollte sich hier vor einer Filterblase hüten, in der Gruppen sich von Gegen-Narrativen abschirmen. Man erinnere sich an den Glaubenssatz „Demographie ist Schicksal“, der den Demokraten einen sicheren Einzug ins Weiße Haus verhieß. Oder den, dass Frauen überwiegend Hillary Clinton wählen würden. So ist auch der Gedanke, dass Russland – mit Hilfe von Facebook, Twitter und Co. – den Ausschlag der Präsidentenwahl für Donald Trump gegeben habe, zu einem Glaubenssatz geworden. Was ist, wenn Wähler nicht zuhören, oder – schlimmer noch – Demokraten für Lügner halten?

Nicht den falschen Feldzug führen

Denn hier liegt des Pudels Kern. Vor einigen Jahrzehnten erklärte Amerika den Krieg gegen Drogen. Milliarden Dollar-Beträge und Dutzende von zerschlagenen Kartellen später gestehen die meisten Veteranen im amerikanischen Regierungsapparat ein, dass der Feldzug gescheitert ist. Das Problem war weniger das Angebot als die Nachfrage nach Drogen. Gleiches gilt nun für Fake News. Menschen suchen danach.

Nur einmal angenommen, Facebook könnte ausländisches Geld davon abhalten, politische Werbung zu machen, oder Twitter jeden russischen Bot ausmerzen… Würde das Ton und Inhalt amerikanischer Politik verändern? Daran hege ich große Zweifel. Heimische Organe wie Infrowars, Newsmax und Breitbart würden weiter ihr Schlimmstes geben. Wie Mark Twain einmal gesagt haben soll: Eine Lüge ist schon halb um den Erdball gereist, bevor die Wahrheit ihre Schuhe anzieht.

Die große Nachfrage nach Fake News spiegelt den Zusammenbruch des Vertrauens in amerikanische Institutionen. Die meisten Zeitungen unterstützen ein hartes Vorgehen gegen Silicon Valley. Software, sagen sie, fresse die Welt auf. Google und Facebook verschlängen die Einnahmen, die professionellen Medien zustünden. Journalisten schließen sich also der Blase ein, in der Demokraten sich gegen das vermeintliche Monopol aufstellen.

Politik aus der Filterblase muss nicht gut sein

Auch hier ist Vorsicht geboten, sich dem Medienkonsens unkritisch hinzugeben. Clinton hatte so gut wie jede US-Zeitung hinter sich, konservative wie liberale. So schwer diese Einsicht für Journalisten auch sein mag, auch das könnte Trump tatsächlich zum Sieg verholfen haben. Und könnte ihn weiter stärken. Das moralische Aufbegehren, das er in vollem Umfang verdient, nutzt ihm genauso wie es ihm schadet.

Wie meine Kollegin Rana Foroohar darlegte, gibt es valide wirtschaftliche Gründe, Technologiekonzerne stärker zu regulieren. Zugleich gibt es wachsende Evidenz, dass Unternehmen im Silicon Valley ihre Vormachtstellung missbrauchen. Aber Vorsicht: Dies sollte nicht mit guter Politik gleichgesetzt werden. Es ist eine übersteigerte Erwartung, dass Wähler sich von Social Media-Seiten oder Suchmaschinen betrogen fühlen, die nichts kosten. Das interessiert genauso wenig, wie das Ausmaß des wirtschaftlichen Nutzens, den Konzerne aus persönlichen Daten ziehen. Schon der Aufwand, der zu betreiben wäre, um das nach Dollar und Cent nachzuverfolgen, ist kein Aufreger für die öffentliche Fantasie.

Die als Hoffnungsträger für das nächste Präsidentschaftsrennen gehandelte Elizabeth Warren hat die Demokraten aufgerufen, der Vertrauensfigur Teddy Roosevelts nachzueifern. Aber weder ist Facebook Standard Oil, noch ist Social Media eine Bank an der Wall Street. Warren hat einen Punkt, wenn sie die Leichtigkeit geißelt, mit der Banken von der Krise 2008 davonkamen. Kein einziger hochrangiger Bankmanager wurde für den Betrug an der amerikanischen Mittelschicht haftbar gemacht. Sie trifft damit auch einen Nerv in der Bevölkerung. Linke wie Konservative sind sauer darüber, wie selbstverständlich Banken nach der größten Rettungsaktion der Geschichte wieder Boni auszahlen. Nun hat Warren das Silicon Valley im Visier.

Die Nachfrage nach Fake News ist das Problem

Bis vor kurzem waren das liberal-denkende Amerika und seine Technologiebranche noch Verbündete. Demokraten ließen nicht erkennen, dass sie Google Böses zutrauten. Das war naiv. Nun hat die Romanze ein Ende. Konzerne wie Google mögen eine Aufspaltung verdienen. Aber dass sie vermeintlich die Demokratie unterlaufen, liefert dafür kein ausreichendes Motiv. Dafür gibt es vieles andere zu tadeln. Das Vertrauen in die Politik schwand schon lange bevor Facebook so dominant wurde oder Twitter an den Start ging. Sie wurden zu Transporteuren von Fake News. Aber die Nachfrage wird von Verbrauchern geschürt.

Bis die Demokraten wieder Vertrauen in ihre Marke aufbauen, wird gute Politik schwer zu verkaufen sein. Außerdem müssen sie auf ihre Mitreisenden achten. Zu jenen, die nach einer Zerschlagung der Tech-Konzerne rufen, gehören auch Trumps Alter-Ego Steve Bannon und Richard Spencer, der Gründer der Alt-Right-Bewegung. Wer braucht mit solchen Freunden noch Feinde?

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