KolumneDer lange Abschied des Bayer-Chefs

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Eines ist nach der neusten Wendung in der Glyphosat-Misere klar: Bayer-Chef Werner Baumann wird das Thema bis zum Ende seiner Amtszeit nicht mehr los. Sein Vertrag läuft Anfang 2024 offiziell aus – und der Konzern dürfte bis dahin noch so manchen Prozess um die Erblasten des Monsanto-Kaufs führen. Vorsichtshalber stellt die Bayer AG weitere 4,5 Mrd. Dollar für diese Rechtsrisiken zurück. Die einzige Hoffnung des Unternehmens ruht nun auf dem Obersten Gericht der USA. Nimmt der Supreme Court das Thema auf und urteilt im Sinne der Deutschen, so könnte frühestens 2022 Licht am Ende des Tunnels aufblitzen. Falls nicht, dann wird Glyphosat zu einer Art von Ewigkeitslast für Bayer.

Der lange Abschied Werner Baumanns, der seinen Aktionären die ganze Misere eingebrockt hat, wird für alle Beteiligten eine ziemlich quälende Angelegenheit. Nach seinen Worten sind die Monsanto-Risiken mit der neuen Rückstellung jetzt „angemessen in der Bilanz abgebildet“. Doch die damit verbundene Hoffnung, die Investoren könnten nun endlich „nach vorn blicken“, dürfte sich nicht erfüllen. Das Aufwärtspotenzial der gebeutelten Aktie, die heute deutlich weniger als die Hälfte wert ist als vor der Monsanto-Übernahme, bleibt noch auf Jahre begrenzt. Selbst im günstigsten Fall – einem positiven Urteil des Supreme Courts – dürfte der Konzern das alte Niveau nicht wieder erreichen.

Warum handelt Bayer erst jetzt?

Der lange Abschied Baumanns geht einher mit dem langen Abschied von dem weiter höchst umstrittenen Unkrautvernichter Roundup. Das Glyphosat-Produkt ist nach Meinung des Unternehmens nicht für die Krebsfälle in den USA verantwortlich. Daran hält Baumann eisern fest wie bisher. Die zusätzliche Rückstellung sei kein Eingeständnis einer veränderten Meinung. Trotzdem zieht Bayer Roundup ein Stück aus dem amerikanischen Markt zurück. Die Deutschen wollen das Mittel nicht mehr an Privatkunden verkaufen, sondern nur noch an Farmer und andere Profi-Anwender.

Bayer verweist auf eine simple Rechnung: Nur ein geringer Teil der Roundup-Umsätze stammt von Privatkunden, aber der allergrößte Teil der Klagen entfällt auf diese Gruppe. Aber wenn die Rechnung so einfach ist, dann fragt man sich: Warum handelt Bayer erst jetzt? Ein frühzeitiger Rückzug aus dem Privatkundensegment hätte die ganze Lage schon vor Jahren entspannt. Und Bayer finanziell nur wenig getroffen. So drängt sich der Eindruck auf: Bayer handelt immer erst dann vernünftig, wenn es gar nicht mehr anders geht. Mit seiner Halsstarrigkeit hat Baumann dem Konzern in den letzten Jahren keinen Gefallen getan. Über Strecken ähnelte der Bayer-Chef dem Michael Kohlhaas aus dem Drama von Heinrich von Kleist, der lieber seine Welt zugrunde gehen lassen wollte, als auf sein (vermeintliches) Recht zu verzichten.

Nicht nur die Entscheidung, Monsanto zu kaufen, war falsch. Auch danach wurden in Leverkusen viele handwerkliche Fehler gemacht. Immer wieder verbreitete der Konzern Hoffnung, wo Realismus besser gewesen wäre. So auch jetzt wieder. In der Pressemitteilung aus der letzten Woche verbreitet sich Baumann lang und breit über die Möglichkeit, dass nach einem positiven Urteil des Obersten Gerichts in den USA alles viel besser kommen kann als bisher erwartet. Die Aktionäre würde es freuen. Aber es fällt ihnen nach den bisherigen Erfahrungen schwer, auch daran zu glauben.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.