Interview„Der Klimawandel bedeutet nicht das Ende der Welt“

Bjørn Lomborg
Bjørn LomborgNickel Institute


Der dänische Politikwissenschaftler Bjørn Lomborg ist ein scharfer Kritiker der derzeitigen Politik gegen den Klimawandel. Seine Thesen, die er in mehreren Büchern vertritt, sind stark umstritten. Lomborgs Thinktank, das Copenhagen Consenus Center, fordert eine Konzentration auf andere politische Themen und bezieht sich dabei unter anderem auf die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Dabei wurden gemeinsam mit einem internationalen Panel von Wissenschaftlern 19 Ziele identifiziert, die aus Sicht der Forscher am dringendsten erreicht werden müssten.


 

Capital: Die Bewegung Fridays for Future, die für mehr Engagement gegen den Klimawandel eintritt, wird immer stärker. Ihre deutsche Vertreterin Luisa Neubauer bezeichnet die Bedrohung durch den Klimawandel als „größte Krise der Menschheit“. Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg sagte, sie wolle, dass wir in „Panik“ geraten. Haben die beiden Recht?

BJØRN LOMBORG: Nein. Zunächst einmal ist Panik niemals gut, wenn es um Entscheidungen geht, die Tausende Milliarden von Euro kosten können. Zweitens gilt: Der Klimawandel bedeutet nicht das Ende der Welt. Wenn wir einfach nichts dagegen unternähmen, würde das nach Schätzungen von Uno-Wissenschaftlern Einkommensverluste zwischen 0,2 und 2 Prozent mit sich bringen. Und zwar in den 70er-Jahren dieses Jahrhunderts, also in 50 Jahren. In diesem Zeitraum werden die Pro-Kopf-Einkommen aber um 300 bis 500 Prozent zunehmen. Das ist nicht das Ende der Welt. Das entspricht eher dem Effekt einer einzigen Rezession innerhalb eines halben Jahrhunderts.

Was bedeutet das für unseren Umgang mit dem Klimawandel?

Es wäre falsch, uns sinnlos in Angst zu versetzen. Stattdessen sollten wir uns um kluge Methoden zur Lösung des Klimawandels bemühen und gleichzeitig die vielen anderen Probleme angehen, vor denen unser Planet steht.

Sie werfen also auch der Politik Alarmismus vor. Es ist aber doch kein Zufall, dass sich der Klimawandel weltweit zu einem der wichtigsten Themen entwickelt hat.

Der Klimawandel ist ein beliebtes Thema für die Medien und die Kommentatoren, die bei ihnen auftreten. Ein Grund ist wahrscheinlich, dass schlechte Nachrichten sich besser verkaufen und manche Menschen immer schon einen Hang zu Katastrophen-Nachrichten hatten. All dies aber sagt wenig darüber aus, wie groß das Problem tatsächlich ist. Nehmen wir das Beispiel USA. Klima-Aktivisten nehmen dort jeden Wirbelsturm zum Anlass, um eine kostspielige Klimapolitik zu fordern. Doch die Zahl der Wirbelstürme an Land geht zurück und steigt nicht an. Die Kosten extremer Wetterereignisse nehmen preisbereinigt nicht zu. Und auch wissenschaftliche Studien können nicht eindeutig feststellen, ob die globale Erwärmung dazu führt, dass Wirbelstürme häufiger auftreten und mehr Zerstörung mit sich bringen.

Dennoch: Der Klimawandel steht weit oben auf der politischen Agenda und scheint viele Menschen zu bewegen.

Die Uno hat weltweit fast zehn Millionen Menschen dazu befragt, welche Fragen am dringendsten angegangen werden müssten. Am häufigsten wurden Bildung, Gesundheit und Ernährung genannt. Das Klima stand am Ende der Prioritätenliste. Nicht einmal die Menschen in den reichen Staaten sahen das Klima als ihr wichtigstes Problem an. In den USA steht es weit unten, etwa auf Platz 11 von 12 Problemen. Und sogar in der EU ist es weit von den wichtigsten Prioritäten der Menschen entfernt. Die globale Erwärmung spielt also für die meisten Menschen keine übergeordnete Rolle, weder in armen noch in reichen Ländern.

Vielleicht ist das ein Problem der Wahrnehmung? Geht es in der Klimapolitik nicht vor allem darum, Schwierigkeiten vorzubeugen, die in der Zukunft auftreten können?

Natürlich kann der Umgang mit dem Klimawandel dabei helfen, Probleme in vielen Gebieten abzumildern. Er kann die Auswirkungen von Wirbelstürmen begrenzen. Und wenn die Temperaturen weniger stark ansteigen, kann das auch positiv für die ohnehin wachsenden Ernteerträge sein. Das wiederum würde weniger Lebensmittelknappheit bedeuten. Aber man sollte immer folgendes im Hinterkopf haben: Wenn wir ein Problem angehen, hilft das immer auch bei anderen Fragen. Wenn wir zum Beispiel mehr Menschen aus der Armut holen, etwa durch bessere Bildung oder Freihandel, werden sie auch mit anderen Problemen besser zurande kommen. Sie können dann auch Klimaproblemen besser begegnen, sowohl denen, die es schon gibt als auch denen, die durch die globale Erwärmung noch verstärkt hinzukommen. Ebenso können reichere Eltern ihre Kinder besser ernähren. Menschen von Armut zu befreien dürfte vermutlich viel, viel hilfreicher sein als Klimapolitik.

„Die Klimapolitik bringt auch Kosten mit sich“

Aber trotzdem kann der Kampf gegen den Klimawandel doch ein wichtiges Instrument sein?

Ja, aber uns muss klar sein, dass unsere Ressourcen begrenzt sind. Wir sollten unser Geld so ausgeben, dass es auch die größte Wirkung erzielt. Einige Maßnahmen bringen sehr viel, andere eher nicht. Das Pariser Abkommen zum Beispiel kostet pro Jahr bis zu 2000 Mrd. Dollar, aber es wird fast gar keine Auswirkungen auf den Temperaturanstieg haben, nicht einmal in 100 Jahren. Billigere Nahrungsmittel, Bildung und Gesundheitspolitik hingegen helfen sofort und ändern ungeheuer viel. Wir dürfen zudem nicht vergessen, welche Kosten die Klimapolitik mit sich bringt.

Was meinen Sie damit?

Die Reduzierung von Kohlendioxid hat auch wirtschaftliche Nachteile. Eine Studie hat gezeigt, dass die Klimapolitik zwar Ernährungsprobleme begrenzen kann, die durch die globale Erwärmung zu erwarten sind. Zugleich aber können die wirtschaftlichen Auswirkungen so problematisch sein, dass am Ende mehr Menschen Hunger leiden, weil sie einfach weniger Geld haben. Man will also etwas Gutes erreichen, aber das Ergebnis ist mehr Hunger.

Der Kampf gegen den Klimawandel hat sich zu einem politischen Streitthema entwickelt. Vor allem in den USA, aber nicht nur. Führt das zu einer sinnvollen Diskussion?

In den USA scheinen viele Vertreter des rechten Flügels zu behaupten, dass es gar keinen Klimawandel gibt, was falsch ist. Davon abgesehen gibt es in den meisten Ländern eine breite Unterstützung quer durch das politische Spektrum für eine weitreichende Klimapolitik. Allerdings beschränkt sich die Debatte auf die Frage, wie viel Geld für sehr ineffiziente Maßnahmen ausgegeben werden soll. Stattdessen sollten wir über kluge Schritte nachdenken, wir sollten mehr Geld in die Erforschung grüner Energien und ihre Entwicklung stecken. Es ist überraschend und enttäuschend, dass nicht mehr darüber diskutiert wird, wie eine sinnvolle Klimapolitik aussehen kann.

Die Befürworter einer radikalen Politik gegen den Klimawandel verweisen oft darauf, dass sie die Wissenschaft hinter sich haben. Sie selbst beziehen sich auf andere Studien. Geht es hier also um einen wissenschaftlichen Konflikt?

Man sollte nicht die Naturwissenschaften und die Wirtschaftswissenschaft verwechseln. Die Klima-Wissenschaft sagt uns, dass der Klimawandel eine Tatsache ist. Die Frage aber ist, was wir mit dieser Information anfangen. Im Grunde kann jede sinnvolle Klimapolitik das Problem begrenzen, aber nur zu sehr hohen Kosten. Die Klimaökonomie befasst sich mit der Frage, was es kostet, dem Problem zu begegnen. Der Nobelpreisträger William Nordhaus hat in seinen Arbeiten gezeigt, dass eine moderate CO2-Steuer den Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts auf 3,5 Grad begrenzen kann. Eine drastischere Reduzierung wie etwa auf 1,5 Grad ist einfach nicht realistisch. Sie wäre ungeheuer kostspielig.

Warum wäre das so teuer?

Die bisherige Politik zäumt das Pferd von hinten auf. Die CO2-Reduktion wird vorangetrieben, bevor alternative Energiequellen die fossilen effektiv ersetzen und mit ihnen konkurrieren können. Es ist höchste Zeit damit aufzuhören. Die deutsche Energiewende ist ein gutes Beispiel. Die CO2-Emissionen sind in den vergangenen zehn Jahren mehr oder weniger gleich geblieben, obwohl Hunderte Milliarden Euro in Subventionen für erneuerbare Energien investiert wurden. Wir müssen uns drauf konzentrieren, die technologischen Hürden zu beseitigen, die es so teuer machen, auf fossile Energieträger zu verzichten.

„Deutschland hat den teuersten Weg gewählt“

Deutschland betreibt also eine falsche Energiepolitik?

Die Politik sollte nicht darauf abzielen, immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien zu gewinnen. Das Ziel ist doch, den CO2-Ausstoß zu senken. Deutschland hat dafür aber wie viele andere den teuersten Weg gewählt, indem ineffiziente erneuerbare Energien subventioniert wurden.

Was hätte die Bundesregierung denn stattdessen tun sollen?

Deutschland hätte seine Kernkraftwerke behalten sollen und es wäre sinnvoll gewesen, von Kohle zu Erdgas überzugehen. Das wäre viel billiger gewesen. Es hätte zudem Ressourcen für andere Ziele geschaffen – oder sogar dafür, den Kohlendioxidausstoß noch stärker zu senken.

Ein Weg, den die deutsche Industrie derzeit geht, ist der Umstieg auf batteriebetriebene Autos. Wie sehr kann das weiterhelfen?

Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass die Zahl der Elektroautos weltweit im besten Fall von heute zwei Millionen auf 300 Millionen im Jahr 2040 ansteigen wird. Das ist überraschend wenig und wird daher auch nur wenig bringen. Die daraus resultierende Reduktion der globalen Emissionen wird bei weniger als einem Prozent liegen. Der Grund: Die Autos bekommen ja immer noch die Hälfte ihres Stroms aus fossilen Energien. Außerdem wird Öl durch den Wandel günstiger werden und einfach anderswo eingesetzt.

Gibt es aus Ihrer Sicht ein Land, das seine Ressourcen besonders effizient einsetzt, um die großen Probleme zu lösen?

Viele Staaten reagieren durchaus klug auf viele der großen Herausforderungen. Die meisten reichen Ländern geben ungefähr 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Gesundheit aus und erzielen damit sehr gute Ergebnisse. Einige Themen aber werden sehr emotional diskutiert, weshalb die Ausgaben auch nicht effizient eingesetzt werden. Dazu gehört das Klima. Das ist wichtig, weil es so viele Dinge gibt, die wir angehen müssen. Und weil es uns bisher nicht gelingt, sie so effizient wie möglich anzugehen. Das gilt vor allem für die Entwicklungspolitik. In den OECD-Staaten geht ein Viertel der Gelder für die Entwicklungshilfe in Klima-Maßnahmen. Man könnte damit viel bessere Dinge anfangen.