GastbeitragDer globale Bürgermeister

Im Großraum Tokio leben knapp 38 Millionen Menschen
Im Großraum Tokio leben knapp 38 Millionen MenschenPhoto by Freeman Zhou on Unsplash

„Treibende Kraft hinter dem Nationalstaat war die industrielle Revolution. Nun macht die digitale Revolution genau das Gegenteil: Sie stellt den Nationalstaat infrage“, so das Ergebnis einer Studie des Weltwirtschaftsforums. Nationalstaaten schaffen es nicht mehr, die nationalen und globalen Probleme unserer Zeit zu lösen. Seit 1991 umspannt das Internet die ganze Welt, es kennt keine nationalstaatlichen Grenzen. Handel und Wirtschaft agieren global und digital, Migration und Klimawandel halten nicht an Ländergrenzen, genauso wenig wie technologische Entwicklung, Kommunikation, Bildung oder Wissenschaft. Während Staaten sich zunehmend für Protektionismus und Abschottung entscheiden, leben die Bürger zeitgleich in einer offenen und grenzenlosen Parallelwelt. Das erzeugt ein enormes Spannungsfeld. Und einen Identitätsverlust.

Gibt es eine Lösung? Natürlich gibt es eine Lösung. Lassen Sie uns über Städte reden!

„Mehr als die Hälfte der weltweiten Bevölkerung lebt in Städten und einer von acht Städtern lebt bereits in einer der 33 Megacities mit mehr als zehn Millionen Einwohnern“, heißt es in einer Studie des Weltwirtschaftsforums. Megacities oder Metropolregionen, das sind Großstädte, einschließlich der sie umgebenden Vororte. Eine Art stark verdichteter und weitläufiger Ballungsraum einer Metropole. Zum Beispiel beherbergt die Stadt Tokio 9,5 Millionen Menschen, die Metropolregion Tokio knapp 38 Millionen. Damit ist sie die größte der Welt. Oder die Stadt London, in der leben 8,8 Millionen Bürger, in der Metropolregion London 14 Millionen. Damit ist sie die größte in der Europäischen Union. Nach dem britischen EU-Austritt wird Paris diese Spitzenposition übernehmen.

Metropolregionen weisen heute eine Wirtschaftsleistung auf, die vergleichbar ist mit der von Nationalstaaten. Bleiben wir beim Beispiel der 38 Millionen Einwohner-Metropolregion Tokio; deren 1641-Milliarden-Dollar-Wirtschaftsleistung ist vergleichbar mit der Spaniens. Die Metropolregion London erwirtschaftet vergleichbar soviel wie die Schweiz, Seoul soviel wie Belgien. Um ein deutsches Beispiel anzuführen: Die Köln-Düsseldorf-Metropole erbringt eine ähnliche Wirtschaftsleistung wie Kolumbien oder die Vereinigten Arabischen Emirate, berichtet das Chicago Council.

Kosmopolitisch und offen

Mehr als die Hälfte der weltweiten Bevölkerung lebt in Städten. Hier werden 85 Prozent des gesamten Bruttonationaleinkommens erwirtschaftet. Städte stehen für Innovation, sind kosmopolitisch, beherbergen eine eher offene Gesellschaft. Wie können wir eine Welt erschaffen, in der Bürgermeister und die Bürger, die sie vertreten, eine wichtigere Rolle spielen?

„Die globalen Herausforderungen finden alle mitten in unseren Städten statt: Von Migration, demografischem Wandel, digitaler Wirtschaft, bis zu den Folgen der Klimaveränderung, Mobilität oder der Einhaltung von Menschenrechten“, sagt Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz. „Alle diese Probleme verbinden uns. Es ist wichtig, dass sich Städte international vernetzen, voneinander lernen, gemeinsam die kommunalen und die transnationalen Probleme lösen. Keine Stadt schafft das allein. Das geht nur zusammen.“ Deshalb ist er Gründungsmitglied des Global Parliament of Mayors, des Globalen Bürgermeisterparlaments, geworden. Und inzwischen dessen Co-Vorsitzender.

„Das Globale Bürgermeisterparlament will mit stärkerer Stimme sprechen: Wir treiben politische Führung und Selbstverwaltung voran“

Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz

2016 wurde das Globale Bürgermeisterparlament (GPM) in Den Haag gegründet. Die Idee stammt von Benjamin Barber, dem Autor von „If Mayors Ruled the World“ (2013). Barber, der 2017 verstorben ist, war Professor für Zivilgesellschaft an der University of Maryland und einer der einflussreichsten Politikwissenschaftler der Vereinigten Staaten. Nach der Veröffentlichung seines Buches begannen Bürgermeister und Experten die Idee einer globalen Steuerungsplattform zu diskutieren, die die kollektive Macht der Städte nutzt. Heute kommen die Bürgermeister des Globalen Parlaments aus allen Kontinenten: Hier trifft Kapstadt (Südafrika) auf Bristol (Großbritannien), Dayton (USA) auf Hoima (Uganda), Rotterdam (Niederlande) auf Hebron (Palästinensisches Autonomiegebiet), Pilar (Argentinien) auf Vyas (Munzipalität in Nepal) – und auf Mannheim! Peter Kurz ist das einzige deutsche Mitglied.