KolumneDer Giertod der deutschen Privatbanken

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Die Steuerfahnder und Kriminalpolizisten rückten am vergangenen Dienstag bei der Privatbank Hauck & Aufhäuser in München und Frankfurt gleich in Mannschaftsstärke an – und waren nach drei Tagen noch immer nicht mit ihrer Razzia durch. Es geht um den unglaublichen Verdacht, die seit 1796 tätige Traditionsbank sei mit „Cum-Ex-ähnlichen“ Steuerbetrügereien selbst dann noch aktiv gewesen, als alle anderen Täter bereits vorsichtshalber das Weite suchten.

Hauck & Aufhäuser reiht sich damit ein in die lange Reihe der kleinen Privatbanken, die bereits vor Gericht stehen oder dort mit großer Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahren landen. Etliche der nobelsten Adressen der deutschen Kreditwirtschaft finden sich unter den Beschuldigten oder Mitverdächtigen: Allen voran die Warburg Bank in Hamburg, die um ihre Existenz ringt.

Spieler mit Pokermentalität

Warum sich so viele Privatbanken auf das Cum-Ex-Spiel eingelassen haben, dafür gibt es mindestens vier Gründe: Erstens sinken die Margen der Branche auf ihren klassischen Geschäftsfeldern seit Jahren so stark, dass sie auf Gedeih und Verderb immer neue Nischen suchen. Zweitens setzen die meisten von ihnen auf eine heiß umworbene betuchte Klientel, die höchste Renditen einfordert, die sich jedoch unter heutigen Rahmenbedingungen kaum noch erwirtschaften lassen. Und drittens finden sich an der Spitze der Privatbanken schon längst nicht mehr die ultrakonservativen Bankiers früherer Jahre, sondern allzu häufig Spieler mit Pokermentalität, die in den kleinen Häusern auch niemand richtig kontrolliert oder gar bremst.

Die neue Gier der alten Privatbanken kann man auch auf vielen anderen Gebieten beobachten. Mit den Cum-Ex-Geschäften überschritten die Institute die Schwelle zur Kriminalität. Bei anderen Geschäften segeln sie hart an der Grenze des gerade noch Vertretbaren. So übernehmen einige Banken bei der Aktienplatzierung Risiken, die sie mit ihrer Kapitalausstattung kaum bewältigen können. Und andere tüfteln mit ihren Privatkunden stetig an immer neuen Steuersparmodellen nach dem Motto: „Was nicht ausdrücklich verboten ist, das ist erlaubt.“

Die Privatbanken zeigen ausgerechnet dort Schwächen, wo sie früher einmal besonders stark waren: in einer ethisch begründeten Geschäftsführung. Man beachtet die alten Regeln nicht mehr, sondern biegt sie sich je nach Gefechtslage zurecht. Und verspielt damit nicht nur den guten Ruf, der über Jahrzehnte gepflegt wurde, sondern den eigentlichen Vorzug der privaten Banken. Das finale Ergebnis sah man in der Vergangenheit häufiger – zum Beispiel bei Sal. Oppenheim. Auf die Gier folgt der Giertod.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieser Kolumne wurden die Berenberg Bank, die Privatbank Merck Fink und das Bankhaus Lampe als Beschuldigte oder Mitverdächtige genannt. Das entspricht nicht den Tatsachen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.