GastbeitragDer deutsche Arbeitsmarkt hat seine besten Tage hinter sich

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Symbolbild ArbeitsamtPixabay

Seit zehn Jahren fällt die Arbeitslosigkeit in Deutschland fast ununterbrochen. Der Rückgang seit 2009 beträgt nun über 1.2 Millionen, und die Arbeitslosenquote steht bei 5 Prozent – auf dem tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung. Doch nun ist im Mai die Zahl der Arbeitslosen für alle überraschend um 60.000 angestiegen. Dies ist der erste monatliche Anstieg seit zwei Jahren und der stärkste seit der globalen Finanzkrise. Dies hat Sorgen verstärkt, dass die seit Mitte letzten Jahres anhaltende Wachstumsschwäche nun auch den Arbeitsmarkt erreicht und das deutsche Jobwunder zum Ende kommt. Immerhin ist die deutsche Wirtschaft von 2016 bis Mitte 2018 um durchschnittlich mehr als 2 Prozent gewachsen, seitdem aber nur um 0,8 Prozent. Muss man sich ernsthafte Sorgen machen?

Zur Beruhigung mag beitragen, dass der deutliche Anstieg der Arbeitslosigkeit im Mai zum großen Teil – aber nicht vollständig – das Ergebnis einer Re-Klassifizierung auf Seiten der Bundesagentur für Arbeit ist, also einem statistischen Sonderfaktor geschuldet ist. Aber das hieße, die Warnzeichen zu übersehen, die schon seit einiger Zeit auf eine Verschlechterung der Arbeitsmarktlage hindeuten. So reagiert eine steigende Anzahl von Industriefirmen auf die Konjunkturschwäche mit verstärkter Kurzarbeit. Die Anzahl der Kurzarbeiter hat sich seit Sommer letzten Jahres verdoppelt. Aber auch bei der tatsächlichen Arbeitslosigkeit tut sich etwas im Verborgenen.

Arbeitslosenquote in Landkreisen zieht an

Um frühzeitig Trends auf dem Arbeitsmarkt zu erkennen, muss man die regionalen Arbeitsmärkte betrachten. Zusammen mit UBS Evidence Lab untersuchen wir daher regelmäßig die monatlichen Arbeitsmarktzahlen in 400 deutschen Landkreisen. In früheren Zyklen hat sich in den Regionen bereits ein Anstieg der Arbeitslosigkeit gezeigt, weit bevor dieser auf nationaler Ebene sichtbar wurde. Wie ist die Situation heute?

Im Mai 2019 stieg die Arbeitslosenquote bereits in 18 Prozent aller deutschen Landkreise gegenüber dem Vorjahr an. Dies ist der höchste Wert seit zweieinhalb Jahren. Im April 2019 lag diese Quote nur bei sieben Prozent und im August 2018 stieg die Arbeitslosigkeit gar nur in drei von 400 Landkreisen – eine Quote von 0,7 Prozent. In vergangenen Zyklen stieg die gesamtdeutsche Arbeitslosenquote, wenn in 70 Prozent der Landkreise die Arbeitslosigkeit stieg. Davon sind wir noch etwas entfernt, aber der Trend ist besorgniserregend.

Besonderen Aufschluss gibt die regionale Verteilung. Denn im Süden der Republik steigt die Arbeitslosigkeit schneller als in anderen Regionen – wenn auch von sehr niedrigem Niveau. Diesen Trend kennt man von früheren Zyklen: Steigende Arbeitslosigkeit hat sich meistens zuerst im besonders industrie-intensiven Süden der Republik gezeigt und sich dann auf den Rest des Landes ausgebreitet. Das liegt daran, dass ein Abschwung im Wachstum häufig in der Industrie beginnt (die im Süden mit der Autoindustrie besonders präsent ist) und sich dann auf die anderen Sektoren ausbreitet. In Bayern und Baden-Württemberg stieg im Mai in 23 Prozent bzw. 34 Prozent der Landkreise die Arbeitslosigkeit – im Rest der Republik waren es nur 11 Prozent. Ein klares Warnzeichen.

Nur wenige haben Angst vor Arbeitslosigkeit

Was ist also das Risiko? Falls die Schwäche in der Industrie anhält, etwa weil die Handelsstreitigkeiten zwischen China und USA weiter zunehmen, ist eine weitere Abschwächung am Arbeitsmarkt wahrscheinlich. Über kurz oder lang würde dann auch die gesamtdeutsche Arbeitslosenquote steigen. Das Risiko scheint allerdings weniger ein plötzlicher und massiver Anstieg zu sein – dafür ist der Fachkräftemangel zu ausgeprägt – als vielmehr eine graduelle Trendumkehr der vergangenen Jahre. Wenn dann wieder mehr über Arbeitslosigkeit gesprochen wird als derzeit, könnte dies die privaten Haushalte verunsichern und sie könnten dann vermehrt ihr Einkommen sparen, anstatt es auszugeben. Da der private Konsum die wichtigste Stütze des Wachstums ist, würde dies den Konjunkturabschwung noch verstärken.

Doch noch ist es für solche Negativszenarien zu früh: Aus Umfragen zum Konsumentenvertrauen wissen wir, dass die Sorge vor Arbeitslosigkeit unter deutschen Haushalten immer noch äußerst niedrig ist. Nur knapp 10 Prozent erwarten einen Anstieg der Arbeitslosigkeit in den nächsten zwölf Monaten – weit unterhalb des langfristigen Schnitts von 30 Prozent. Aber wir sollten uns bewusst sein, dass solche Erwartungen schnell drehen können. Der deutsche Arbeitsmarkt hat seine besten Zeiten wohl schon hinter sich.


Felix Hüfner ist Chefvolkswirt Deutschland bei der UBS Investment Bank