EssayDas schizophrene Jahrzehnt

Balancieren ohne SicherungIllustration: Francisco Ciccolella

Das Jahrzehnt, das nun zu Ende geht, hält für uns Deutsche zwei Geschichten parat: Es war ein langes Jahrzehnt der Krisen und gleichzeitig eine „Goldene Dekade“.

An deren Anfang stand ein „V“, eine Kurve nach oben, nach dem historischen Einbruch 2009. Deutschland erholte sich, erlebte ein fulminantes Comeback, in dem die Volkswirtschaft um knapp eine Billion Euro auf rund 3,4 Billionen anschwoll. Das BIP pro Kopf wuchs von gut 30 000 Euro auf über 40 000 Euro, die Zahl der Erwerbstätigen von 41 auf 45 Millionen, die Löhne stiegen im Schnitt um ein Viertel.

Deutschland erntete, wuchs, lebte, es waren Zeiten des Überflusses und Überschusses.

Das Jahrzehnt war auch eines der großen Krisen: Die Finanzkrise glomm noch, es folgte die Eurokrise, 2015 die Flüchtlingskrise, und dieses Jahr wurde eine alte Krise neu entdeckt und zu einem „Notstand“ erklärt: die Klimakrise.

Und so war es auch ein Jahrzehnt der Rettungen, erst für Banken, dann für Staaten, dann für eine ganze Währung. Hunderttausende Menschen wurden vor einem Krieg gerettet, schließlich, unter den Protesten der Jugend, das Weltklima, die ganze Erde.

Die Formeln dieser Rettungsaktionen wirken bis heute nach, haben uns aufgewühlt und gespalten:

„Whatever it takes.“

„Wir schaffen das.“

„Ich will, dass ihr in Panik geratet.“

Politik hieß in diesem Jahrzehnt oft nicht gestalten, sondern reagieren und getrieben sein.

Wenn wir zurückschauen und Bilanz ziehen, werden wir merken, welche Lehren und Lektionen diese Jahre für die Zukunft bereithalten. Denn natürlich sind Jahrzehnte und andere Zeiträume auch immer willkürlich gewählt. Aber so ticken wir Menschen, wir leben in Perioden, Phasen, Zeitaltern.

Was also liegt hinter uns?

Es war ein Jahrzehnt, in dem der Zins verschwand und die Häuser in Städten unerschwinglich wurden, in dem Sparen und Wohnen anstrengend und emotional wurden, in dem wir immer mehr Geld verteilten und rätselten, warum wir nicht zufrieden wurden. Was natürlich ein falscher Eindruck ist: Denn die Deutschen insgesamt sind so zufrieden wie seit 30 Jahren nicht mehr, zumindest vier von fünf sagen das, in ganz unterschiedlichen Umfragen.

Es war das Jahrzehnt der Zerstörung, der Disruption und Eroberung, in dem die großen Technologiekonzerne ihre Plattformen und Ökosysteme endgültig über den Globus ausbreiteten: Facebook, Apple, Amazon, Google, Spotify und Netflix gibt es schon länger, ihre Wucht und Größe erlangten sie erst in diesem Jahrzehnt, in dem zudem viele neue Dienste entstanden, die heute zu unserem Alltag gehören: Whatsapp (2009), Instagram (2010), Snapchat (2011), Airbnb (2008), Uber (2009).