Interview„Das ist kein abstraktes Technikthema, sondern die Biorevolution“

Matthias Berninger, Leiter des Bereiches Public Affairs, Science & Sustainability für die Bayer AG in Washington, D.C.imago images / tagesspiegel


Matthias Berninger leitet seit Anfang 2019 den Bereich „Öffentlichkeit und Nachhaltigkeit“ für den Bayer Konzern in Washington. Zu seinen Kernaufgaben zählt Lobbyarbeit für grüne Gentechnik, Präzisionszüchtung mithilfe von Genscheren wie CRISPR-Cas.


 

Capital: Als Sie hörten, dass der Nobelpreis an die beiden Forscherinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna ging – was war Ihre erste Reaktion?

MATTHIAS BERNINGER: Ich habe mich riesig gefreut. Ich hatte gehofft, dass die Entscheidung in diesem Jahr so fällt. Das Nobelpreiskomitee hatte die beiden schon länger auf der Liste, aber gezögert, weil nicht ganz klar war, wer was entdeckt hat.

Wie bedeutsam ist die Entdeckung der beiden?

Zu verstehen, was Gene tun, ist schon ungeheuer komplex. Aber was Charpentier und Doudna geschafft haben, ist es, die DNA zielgenauer zu editieren und damit Gene zu verändern. Das ist der Start in eine neue Zeit, weil diese Technik endgültig das Thema Biologie und Informationstechnologie verschmilzt. Für mich ist das vergleichbar mit der Entdeckung der Radioaktivität, wofür Marie Curie 1911 den Chemie-Nobelpreis bekommen hat. Geneditierung hat sich in den letzten zehn Jahren rasant fortentwickelt. CRISPR-Cas ist fast schon die Grossmutter der aktuellen Technologie.

Was ändert sich durch diese Preisverleihungen? Erwarten Sie einen Schub für die grüne Gentechnik? Einen Reputationsgewinn?

Ich hoffe, dass die Preisverleihung in Europa Innovationsfreude auslöst. Die Europäer müssen schnell eine Entscheidung treffen, ob sie diese neuen Technologien fördern wollen oder skeptisch bleiben – und die Prohibition der Technik vorantreiben. Das ist eine Entscheidung, die für die Zukunft Europa wichtiger ist als alles andere.

Warum das denn?

Als der Buchdruck erfunden wurden, hat das Zentrum der wissenschaftlichen Welt, damals Istanbul, entschieden, dass sie bei der Erfindung des Buchdrucks nicht mitmachen und die Anwendung der Technologie verboten. Das war der Startpunkt für das Ende der Vormachtstellung des osmanischen Reiches. Und Europa läuft Gefahr, historisch denselben Fehler zu machen.

Als Vertreter eines der größten Agrarchemie/Pharmakonzerne müssen sie das wohl sagen. Grüne Gentechnik ist Kerngeschäft ihrer Agrarsparte – vor allem seit Bayer Monsanto gekauft haben. Da missfällt Ihnen natürlich, wenn Europa so hartnäckig skeptisch bleibt.

Für diese große Investition bekommen wir immer noch viel Kritik. Aber ja, die 60 Mrd. Euro, die wir für den Kauf von Monsanto ausgegeben haben, beruhen auf der Einsicht, dass Technologien wie CRISPR-Cas unsere Geschäfte revolutionieren und der Menschheit nutzen. Es gibt kein anders Unternehmen in Europa, vielleicht sogar in der Welt, das so sehr mit dieser Technologie verwoben ist und damit so sehr vorbereitet ist, zu den Disruptoren zu gehören und nicht disruptiert zu werden. Auch wenn die Kritik, die wir für den Willen zur Transformation ernten, schmerzhaft ist, verschaffen uns diese Innovationen gigantische Spielräume.

Konkretes Beispiel, bitte.

Ein Paradebespiel aus der Landwirtschaft ist die Kulturpflanze Mais. Bayer hat auch mithilfe der Geneditierung einen neuen Mais entwickelt, der tiefer wurzelt und nicht so hoch wächst. Der hat zum Beispiel den Hurrikan über Louisiana überstanden, während der traditionelle Mais abgeknickt ist. Wir revolutionieren gerade wieder, wie Mais gezüchtet wird. Ob riesige Gewächshäuser in Arizona, wo wir mehrere Jahreszeiten simulieren, oder die Nutzung riesiger Datenmengen: wir machen Mais resilent gegen Stürme und Trockenheit, reduzieren Düngemitteleinsatz, und dieser genveränderte Mais speichert durch das tiefere Wurzelwerk mehr CO2 in der Erde. Noch ein Beispiel: Wir haben zusammen mit Oxitech gerade eine gentechnisch veränderte Motte des Insektes Herbstheerwurm vorgestellt, bei der wir eine Art Familienplanung eingebaut haben. Dieses Insekt zerstört massiv Ernten in Asien und Afrika. Wir geben den Pflanzen eine Chance gegen das Insekt zu bestehen. Das sind Technologien, die Menschen konkret helfen und das Geschäft beflügeln.

Es klingt zu schön … aber viele – gerade hierzulande – sehen große Risiken und glauben nicht an die Heilsversprechen.

Die Deutschen sind in der Mehrzahl skeptisch. Monsanto hat durch sein Auftreten in der Vergangenheit viel Vertrauen zerstört und zur Skepsis beigetragen. Aber Monsanto hat auch eine Landwirtschaft entwickelt, die klimaschonender betrieben werden kann. Zudem bietet die Gentechnologie auch in der Medizin viele neue Möglichkeiten. So gibt es etwa tausende Erbkrankheiten, die sich auf ein einzelnes falsch programmiertes Gen zurückführen lassen. Ein Beispiel ist die Sichelzellenkrankheit, eine brutale Krankheit. Forscher haben es geschafft, auf Gen-Editing-basierend Therapien gegen diese Krankheit zu entwickeln. Als Bayer arbeiten wir auch daran, Herzerkrankungen und genetisch bedingte Augenerkrankungen zu erforschen. Mit Leaps hat Bayer eine Investmenteinheit, die frühzeitig in Firmen investiert, die diese Technologien zur Marktreife bringen. Dabei ist auch Bluerock Therapeutics, ein Unternehmen, dass die Forscherin Doudna mitgegründet hat. Sie arbeiten dort an Zelltherapien zur Bekämpfung von Parkinson. Weil uns die Fortschritte sehr überzeugt haben, hat Bayer die Firma im vergangenen Jahr vollständig übernommen. Vor einigen Wochen haben wir auch eine neue Businesseinheit „Zell- und Gentherapie“ geschaffen, da wir überzeugt sind, dass diese Technologien sich durchsetzen.

Was sollte sich konkret in der EU ändern?

Die EU sollte die Geneditierung in der Landwirtschaft erlauben. Und generell mehr in Forschung für grüne Technologie investieren. Das ist kein abstraktes Technikthema, sondern die Biorevolution. Europa muss sich entscheiden, ob es an der Spitze der Revolution sein will oder hinterherlaufen möchte. Den größten Fehler, den wir machen können, wie die Imame im Jahre 1515 in Istanbul den Buchdruck unter Androhung der Todesstrafe zu verbieten. Und wenn nun der Druck auf die Leute aufhört, die an Gentechnologien arbeiten. dann haben wir alle den Nobelpreis ein bisschen mitgewonnen.

 


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