AktienDas indische Wirtschaftswunder


Mahindra ist die fünftgrößte Unternehmensgruppe des Landes und produziert Autos, Landmaschinen sowie Flugzeuge und kontrolliert Banken und Versicherungen. Insgesamt machte die Gruppe 2015 knapp 17 Mrd. Dollar Umsatz und exportiert zunehmend auch nach Europa und in die USA. Anand Mahindra führt die Gruppe seit 2012 allein. Sein Vermögen wird auf 1,3 Mrd. Dollar geschätzt. Er gehört zu den wichtigsten Philanthropen des Landes, er finanziert eine Universität, stiftet Stipendien, unterstützt Theater-, Film- und Kulturfestivals.


Capital: Seit dem Chinas Wirtschaft stottert, ist Indien ein neuer Star unter den Schwellenländern. Mit 7,5 Prozent wuchs die indische Wirtschaft 2015 schneller als die des großen Nachbars. Was hat sich seit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Narendra Modi verändert?

Anand Mahindra: Diese Regierung hat vor allem frische Luft gebracht. Modi will Wachstum in Indien sehen und betrachtet die Unternehmer als seine Verbündete auf dem Weg zum Ziel. Er ist entschlossen, das Investitionsklima und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Er ist viel im Ausland unterwegs, um das Interesse ausländischer Investoren für Indien zu wecken.

Wie wirkt sich sein Kurs bei Mahindra aus?

Seitdem er an der Macht ist, muss ich nicht mehr nach Delhi reisen, um meine Interessen zu lobbyieren. Heute rufen mich Beamte aus dem Handelsministerium in Delhi an und fragen, ob ich irgendwelche Probleme habe. Wir haben unter der Kongress-Regierung mehrere Lizenzen für unsere Flugzeugproduktion beantragt, doch alles zog sich ewig hin. Offensichtlich wollten manche Leute bestochen werden. Heute sind alle Lizenzen da, ohne dass ich etwas tun musste. Für große Konzerne, die alle ethischen Standards erfüllen und Steuer zahlen, sind die Arbeitsbedingungen deutlich besser geworden.

Hat die Regierung bereits konkrete Reformen angeschoben?

Im Frühjahr soll das extrem wichtige Goods and Services Tax (GST) in Kraft treten, eine Art Mehrwertsteuer, die mehrere lokale und staatliche Steuern ersetzen wird. Damit wird das Steuersystem einfacher und die gesamte Steuerlast geringer. Ein neues Insolvenz-Gesetz liegt bereits im Parlament, auch bei Schlichtung und Rechtsstreit wird gesetzlich nachgebessert.

Gegner werfen Modi vor, eine Politik für große Konzerne zu machen und den kleinen Mann zu vergessen. Stimmen Sie dem zu?

Nein. Modi weiß ganz genau, dass das indische BIP zu 80 Prozent von kleinen Produzenten erzeugt wird. Es dauert aber etwas länger, bis die Reformen bei denen ankommen.

„Indien wird einen Sprung nach vorne machen“

Capital 04/2016
Die neue Capital

Konnte die Regierung Bürokratie und Korruption auch auf regionaler und lokaler Ebene eindämmen?

Die Lage ändert sich, denn niemand will sich mit Modi anlegen. Neulich wollte ich für ein Firmengrundstück in Maharashtra die Nutzungsart ändern und habe die erforderlichen Dokumente an die Behörden gesandt. Früher hätte ich in so einer Angelegenheit den Gouverneur aufsuchen müssen, damit alles prompt über die Bühne geht. Jetzt hat seine Behörde die Genehmigung erteilt, bevor ich einen Besuch planen konnte.

Warum steht Indien dann immer noch so schlecht da im Geschäftsklima-Rating der Weltbank?

In dem kommenden Rating wird Indien einen gewaltigen Sprung nach vorn machen, das kann ich ihnen verraten. Ich berate das Gremium, das das Rating erstellt. Leider wird über die Verbesserung des indischen Geschäftsklimas immer noch zu wenig gesprochen. Die Regierung konnte ihre Erfolge bisher nicht richtig kommunizieren.

Sie sind 1991 nach Abschluss Ihres MBA-Studiums in Harvard in das Unternehmen eingestiegen. Was mussten Sie als erstes bei Mahindra verändern?

Mahindra wurde 1945 gegründet, zwei Jahre vor der Unabhängigkeit. Die Entwicklung der Firma spiegelt die Geschicke unseres Landes wieder. Indien hatte früher eine sozialistisch geprägte Kommandowirtschaft wie die Sowjetunion. Es gab keinen Wettbewerb. Wir durften eine bestimmte Zahl von Autos und Traktoren produzieren und dafür eine bestimmte Menge an Stahl oder Schrauben einkaufen. Niemand musste auf die Qualität achten, der Absatz war sowieso vom Staat garantiert. Unsere Maschinen standen oft still, die Arbeiter spielten Karten oder schliefen. Mit den Marktwirtschaftsreformen 1991 hat sich alles über Nacht verändert. Ausländische Konzerne stiegen in Indien ein. Plötzlich hatten wir nur eine Alternative: Entweder schwimmen oder ertrinken. Ich musste die Belegschaft wachrütteln. Die Leute reagierten mit einem Streik. Eines Tages wurde ich von wütenden Arbeitern in meinem Büro eingeschlossen und bedroht. Irgendwann gaben sie aber nach. Die Produktivität stieg innerhalb eines Jahres um 120 Prozent.

Wie schafft man Produkte, die weltweit konkurrenzfähig sind? Gibt es da ein Rezept?

Wir mussten in allen Bereichen fundamentale Änderungen vornehmen. Wir haben die Produktion neu organisiert, strengste Qualitätskontrollen eingeführt und das Marketing aufgebaut, das vorher nicht existierte. Alle unsere Manager und leitenden Ingenieure gingen bei der Firma Lucas Engineering in Birmingham in die Lehre. Und wir haben den deutschen Mittelständler Hartmann Consulting als Berater hinzugezogen. Wir haben gelernt, jedes Detail zu hinterfragen und konnten die Produktionsabläufe effizienter gestalten. Doch letztendlich entschieden unsere Produkte über den Erfolg.