ReportageDas bulgarische Kletterwunder

Kletterwand von Walltopia
Iwajlo Pentschew, einer der beiden Gründer von Walltopia, an der Wand einer Kletterhalle in der bulgarischen Hauptstadt Sofia
© Guy Martin

Mitte der 80er-Jahre, irgendwo in den Bergen Bulgariens, traf Metin Musow den Mann, mit dem er mal reich werden würde. Musow, ein schüchterner, schmächtiger Junge, kam als Neuling in eine Gruppe von Kletterern. Kerniges Sportlervolk, eine raue Gemeinschaft. In den Felsen hing einer, der herumschrie und einen anderen mit wilden politischen Beschimpfungen bedachte. „Ich dachte: ,Was ist das denn für einer?‘“, sagt Musow. Es war der Beginn einer engen Freundschaft. Und der Startschuss für ein florierendes Unternehmen.

Der Schreihals von damals heißt Iwajlo Pentschew und leitet heute gemeinsam mit Musow die bulgarische Firma Walltopia. Das Unternehmen ist eine kleine Sensation, ein Treppenwitz der Globalisierung. Ausgerechnet das ärmste Land der Europäischen Union hat den weltgrößten Hersteller eines absoluten Lifestyleprodukts hervorgebracht: Ausrüstung von Kletterhallen. Ob in den USA, in Australien, Russland oder Deutschland: Überall stehen Kletterwände, auf denen das Logo der Bulgaren klebt. Den langjährigen Weltmarktführer, das französische Unternehmen Entre-Prises, hat Walltopia inzwischen mit seiner aggressiven Expansion überholt.

Klettern ist eine Nische mit großem Potenzial. In Industrieländern wie Deutschland oder den USA sprießen die Kraxelspielplätze für Erwachsene aus dem Boden. Die Szene wird immer professioneller: Gute Kletterer können mittlerweile mit ihrem Sport Geld verdienen, manche sind Werbe-Ikonen und brauchen Übungsplätze für alle Jahreszeiten. Allein in Deutschland hat sich die Zahl der Hallen zum Klettern und Bouldern – der Variante in Absprunghöhe ohne Seil – in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.

Der Deutsche Alpenverein, dessen Mitgliederzahl beständig wächst, treibt die Entwicklung mit eigenen Hallen voran. „Das hat eine sich selbst verstärkende Wirkung“, sagt Thomas Albertin von der Hamburger Beratungsgesellschaft Vota, die den Markt für Freizeitanlagen beobachtet. „Je mehr Hallen es gibt, desto größer ist auch die Nachfrage.“ Mit fünf bis sieben Prozent Wachstum pro Jahr rechnet Vota in Deutschland. Schon lange sind die Sportplätze nicht mehr nur Orte für Bergprofis. Kinder, Freizeitsportler und Adrenalinjunkies aller Art toben sich in den Kletterwänden aus.

Kunden auf sechs Erdteilen

Und an vielen dieser Orte stehen Kletterwände, die von Walltopia gebaut wurden. Das 1998 gegründete Unternehmen hat Kunden in 50 Ländern und auf sechs Kontinenten, in China wird gerade über einen Deal für 50 neue Hallen verhandelt. Mit einem Umsatz von etwa 23 Mio. Euro im Jahr 2015 ist die Firma kein Riese, aber ein Gewinn von fast 7 Mio. Euro macht sie hochprofitabel – auch wegen ihrer niedrigen Kosten.

Wie konnte es ausgerechnet eine bulgarische Firma in diesem Markt an die Spitze schaffen? Der Erfolg hat viel mit den beiden Gründern zu tun. Und damit, wie viel Energie entstehen kann, wenn jemand sein Hobby zum Beruf macht.

„Ich wollte eigentlich nie ein Unternehmer sein, das hat sich irgendwie so nebenher ergeben“, sagt Pentschew. Der 46-Jährige ist in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil seines Freundes: Pentschew hat seinen Kopf kahl geschoren, ist studierter Physiker und fährt am liebsten Daimler. Musow trägt eine wuschelige schwarze Mähne, war nie an einer Uni und liebt BMW. Selbst ihre Muttersprachen sind unterschiedlich, beim einen ist es Bulgarisch, beim anderen Türkisch – Musow entstammt der großen türkischstämmigen Minderheit in Bulgarien.

Die Gründer Metin Musow (l.) und Iwajlo Pentschew in der Werkshalle in Letniza
Die Gründer Metin Musow (l.) und Iwajlo Pentschew in der Werkshalle in Letniza
© Guy Martin

Es sind auch diese Gegensätze, die das Modell Walltopia funktionieren lassen. Musow ist ein akribischer, zäher Arbeiter, der sich darum kümmert, dass die Produktion funktioniert. Pentschew hingegen ist der Verkäufer, der Mann für die Außendarstellung, der mit seinem guten Englisch weltweit die Kunden überzeugt. Und er ist der Mann mit dem Drive, der das Geschäft wittert. „Unsere Branche hat die Kindheit beendet und ist gerade erst in die Pubertät gekommen“, sagt er. „Aber wie jeder weiß, wird in dieser Phase hauptsächlich masturbiert – und vom echten Sex noch geträumt.“