FinanzevolutionDämpfer für die Blockchain

Auf einem Bildschirm ist die Technologie der Ethereum-Plattform am 14.04.2015 in Berlin in den Räumen der Firma Ethereum DEV in Kreuzberg dargestellt.
Ethereum ist eine Open-Source Plattform, auf der Anwendungen und Daten über ein dezentrales Netzwerk ausgeführt werden können
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Dirk Elsner (Foto: Sebastian Berger, Stuttgart)Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


Das Thema Blockchain ist ein begehrtes Thema in der Finanz- und Tech-Branche. Auf dem High-Level-Niveau vieler Konferenzen werden die Erwartungen derzeit stetig nach oben geschraubt, ohne freilich Erfahrungen und Ergebnisse aus der Praxis abzuwarten. Diese Praxis kann manchmal ernüchternd sein.

Unter der Blockchain-Technologie (manche  Fachleute verwenden statt Blockchain den Begriff Distributed Ledger = verteiltes Kontobuch) versteht man vereinfacht, die gemeinsame Verwendung eines bestimmten technischen Sicherheitsprotokolls in dezentralen Computernetzen, also in Netzwerken, die nicht von einer zentralen Instanz gesteuert werden. Die Blockchain ist im Prinzip ein auf beliebig vielen Rechnern verteiltes öffentliches Transaktions-Logbuch für ein bestimmtes digitales Gut (auch „Token“ genannt). Solche Token sind beispielsweise die Kryptowährungen Bitcoin und Ether. Es können aber auch andere digitale beziehungsweise digitalisierbare Güter sein, wie Verträge oder andere Dokumente. Sogenannte Smart Contracts sind eine weitere mögliche Anwendung.

Keine Juristen mehr notwendig

Smart Contracts sind Computerprotokolle, mit denen bestimmte Verträge abgebildet, überprüft und deren Abwicklung technisch unterstützt (Wikipedia) werden. Es handelt sich dabei um einen Programmcode, der vereinfacht eine Reihe von Wenn-dann-Befehlen abarbeitet. Ulrich Greveler hat das Konzept der „intelligenten Verträge“ jüngst für die Wissenschaftsseite Scilogs erklärt:

“Eigentlich ist es kein Vertrag sondern ein Algorithmus, der festlegt, welche Bedingungen (Input) zu welcher Entscheidung (Output) führen. Eine Entscheidung wirkt sich dann auf die Auszahlung des zuvor in den Vertrag eingezahlten Betrages aus. Dieser Vertrag wird von allen Blockchain-Rechnern gleichzeitig ausgeführt, alle kommen dabei notwendigerweise zum gleichen Ergebnis. … Alle Blockchain-Rechner stellen gleichzeitig fest, wem der Betrag zusteht und lassen Überweisungen der Summe zu; es gibt keine menschliche Intervention, kein Abwarten (sofern der Vertrag dies nicht vorsieht), niemandem muss vertraut werden; die Vertragsausführung wird unaufhaltbar vollzogen; die Blockchain stellt sich hier wie ein nicht zu stoppendes Uhrwerk dar.”

Greveler spricht über die Anwendungsmöglichkeit für Finanzkontrakte auf Devisen oder Aktien sowie für Versicherungen und geht ebenso auf einige Schwächen ein. So seien für das Verfassen der „Verträge“ keine Juristen notwendig, dafür seien aber die möglichen Eingaben (also die auslösenden Bedingungen) für Smart Contracts beschränkt. Für außergewöhnliche beziehungsweise seltene Ereignisse fehle außerdem eine Korrekturinstanz, „die das ‚Wesen’ des Vertrags interpretiert und ein ‚gerechtes’ Urteil fällt.“ Verträge werden nach diesem Prinzip also nicht mehr in juristischer Sprache verfasst, sondern direkt in ausführbaren Computercode. Es gibt mittlerweile einige bekannte Projekte, die mit Smart Contracts experimentieren. Eines der ambitioniertesten Projekte heißt DAO.

Firma ohne Menschen

DAO steht für Decentralized Autonomous Organisation und besteht aus Smart Contracts und einem Abstimmungssystem. Das DAO-Projekt machte im Mai dieses Jahres über die Blockchain-Szene hinaus Schlagzeilen, weil es die bisherigen Crowdfunding-Rekorde brach und in nur drei Wochen 160 Mio. Dollar von verschiedenen Investoren einsammelte. Obwohl hinter dem Projekt Initiatoren stehen, wird es als eine Firma ohne Menschen bezeichnet. Nicht ein Vorstand, sondern die Anteilseigner machen hier die Vorschläge (= proposals), wo und wie das Geld investiert werden soll und stimmen darüber ab. Die Ausführung erfolgt automatisch eben über die Smart Contracts (siehe ausführlich Hannes Grassegger auf Zeit Online in „Die erste Firma ohne Menschen“).

Ob das DAO-Projekt damit überhaupt als eine Firma angesehen werden kann, ist juristisch umstritten. Der Fall und die Konstruktion sind in der Tat ungewöhnlich, denn das DAO-Konstrukt hat „weder einen physischen Sitz, noch einen Chef und ist ganz anders aufgestellt als alles, was man bisher so kennt“, schrieb Gründerszene.