KolumneCum-Ex-Skandal: Rechtsanwälte als gierige Investmentbanker

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

In der Affäre um die großanlegten Cum-Ex-Steuerbetrugsgeschäfte kommt der deutsche Ableger der internationalen Großkanzlei Freshfields immer stärker ins Gerede. Erst zahlte die Sozietät nach der Pleite einer kanadischen Bank, die jahrelange mit Hilfe der Freshfields-Juristen in die Staatskasse gegriffen hatte, heftige 50 Mio. Euro, um sich den Insolvenzverwalter vom Halse zu halten. Dann verdichteten sich die Hinweise gegen die Großkanzlei so stark, dass Ende letzter Woche der Top-Steueranwalt des Hauses in Untersuchungshaft kam. Seitdem gibt es unter Juristen in Frankfurt kaum noch ein anderes Thema.

Natürlich gilt auch im Fall Freshfields die Unschuldsvermutung. Aber ob sich die Beschuldigten tatsächlich noch aus der Affäre ziehen können, bezweifeln immer mehr Experten. Der Vorsitzende Richter des Finanzgerichts Köln nannte die Cum-Ex-Geschäfte jüngst eine „kriminelle Glanzleitung“. Und ohne Freshfields, so viel steht immerhin fest, wären aus der deutschen Staatskasse niemals Hunderte von Millionen Euro an dubiose Investoren geflossen.

Umsatz wie ein mittelständisches Industrieunternehmen

Unabhängig von den vielen anhängigen Straf- und Steuerprozessen wirft der ganze Vorgang ein Schlaglicht auf einige große Anwaltskanzleien. Ihre Geschäftsmodell hat nichts mehr mit der guten alten, im Zweifel immer vorsichtigen Beratung früherer Zeiten zu tun. Kanzleien wie Freshfields testen heute für ihre Kunden aus, was gerade noch geht. Sie bremsen ihre Banken- und Konzernklientel nicht, sondern stacheln sie im Gegenteil oft noch an.

Inzwischen ähneln sie eher den angelsächsischen Investmentbanken, mit denen sie in den letzten 25 Jahren ganz groß geworden sind. Die Spitzenjuristen der Kanzleien verdienen oft Millionen, Freshfields macht so viel Umsatz wie ein mittelständisches Industrieunternehmen. Die Regenmacher der Großkanzleien sprechen neue Kunden ähnlich aggressiv an wie Investmentbanker – und locken genau wie diese mit fertigen Konzepten, die angeblich viel Geld sparen sollen.

Die großen deutschen Konzerne kommen ohne die internationalen Großkanzleien schon lange nicht mehr aus – und der deutsche Staat offenbar auch nicht. Über viele Jahre waren die Freshfields-Anwälte immer wieder im Bundesfinanzministerium als Berater gefragt, um Gesetzestexte zu formulieren oder anderweitig auszuhelfen. Dadurch geriet viel ins Rutschen, was jetzt in der Cum-Ex-Affäre erstmals in seinem ganzen Elend ans Tageslicht tritt.

Für Freshfields steht in der Cum-Ex-Affäre viel auf dem Spiel

Wer mit Unternehmern aus kleinen und mittleren Betrieben spricht, hört schon eine ganze Weile Unbehagen über die Rolle von Freshfields and ähnlicher Kanzleien. Dabei geht es keineswegs nur um die horrenden Sätze, die Staranwälte mit schneller Hand berechnen, sondern um die grundlegende Geschäftsphilosophie. Inzwischen gehen aber auch bereits einige Großkonzerne auf Distanz – allerdings ohne ihr Vorgehen an die große Glocke zu hängen.

Freshfields möchte man sich nicht zum Feind machen – aber eben auch nicht mehr ohne Weiteres beschäftigen. In den Zahlen der Anwaltskanzlei zeigt sich das bisher noch nicht. 2018 glänzte Freshfields mit hohem Wachstum, eines der besten Jahre der Kanzleigeschichte. Aber ob das so weiter geht, ist fraglich. Eine finale Verurteilung wegen Beihilfe zum Betrug in der Cum-Ex-Affäre wäre wohl das Ende vieler einträglicher Mandate.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.