KolumneChinesische Kontrollillusion

Börsenkurse Shanghai
Börsenkrise China

David Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen FinanzgruppeDavid Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe.


Seit einigen Wochen setzt die Staatsführung in China alle Hebel in Bewegung, um den außer Kontrolle geratenen Aktienmarkt zu bändigen. Allerdings mit nur mäßigem Erfolg und unter Einsatz brachialer Mittel. Das lässt für den ebenso notwendigen wie geplanten Umbau der chinesischen Volkswirtschaft nichts Gutes erahnen.

Doch beginnen wir von vorne. Trotz schwächelnder Wirtschaftsdaten konnte der chinesische Festlandsaktienmarkt 2014 bis Mitte 2015 zunächst spektakuläre Kursgewinne verzeichnen. Primär getrieben einerseits durch eine Versechsfachung von sogenanntem Margin Debt, also dem Kauf von Wertpapieren auf Kredit. Da hier nur die Kredite von Brokerhäusern erfasst werden, könnte es sich dabei lediglich um die Spitze des Eisbergs handeln. Das grundsätzliche Problem solcher Kombinationen ist gut bekannt: Solange die Kurssteigerungen höher sind als die Verzinsung, sind noch mehr Schulden attraktiv und führen zu einer exponentiellen Dynamik nach oben. Bleiben sie dahinter zurück, kommt es zu einer exponentiellen Dynamik nach unten. Ersteres nimmt man natürlich gerne hin, letzteres wird als schlimm angesehen. Soweit noch ganz normal. Ungewöhnlich ist, dass die chinesische Regierung selbst die Verhinderung weiterer Kursrückgänge als Test für ihre Handlungsfähigkeit akzeptiert und mittels Aussetzung des Handels, Androhung strafrechtlicher Sanktionen und indirekten Käufen von Aktien über die Zentralbank dann auch teilweise bewerkstelligt hat.

Das bringt uns zum grundsätzlichen Thema der chinesischen Kontrolillusion: Das Grundvertrauen, dass die Regierung zu einer geradezu perfekten Feinsteuerung ihrer Wirtschaft in der Lage wäre, scheint im Reich der Mitte weit verbreitet. Gespräche mit Anlegern oder Stellungnahmen deutscher Unternehmen, die in China engagiert sind, bestätigen diesen Eindruck.

Eine solche Feinsteuerungsfähigkeit hat sich aber regelmäßig als Wolkenschloss erwiesen. Vor 2008 traute man dies ja auch den westlichen Zentralbanken zu. Zu Unrecht, wie Anleger in der Finanzkrise schmerzhaft erfahren mussten.

Sich einer solchen Illusion in China hinzugeben, ist allein schon deshalb gefährlich, weil dessen Staatsführung sich vorgenommen hat, die Wirtschaft über die kommenden Jahre grundlegend umzubauen. Man muss ihr allein schon deshalb Respekt zollen, weil sie die Notwendigkeit dazu frühzeitig erkannt hat. Tatsächlich stößt die chinesische Volkswirtschaft mit ihren beiden traditionellen Treibern aus der Belieferung westlicher Märkte mit nieder-technologischen Exporten und hohen binnenwirtschaftlichen Investitionsquoten an ihre Grenzen. China spielt mit 1,3 Milliarden Menschen in einer anderen Liga als etwa Südkorea. Letzteres kann problemlos auf einen westlichen Lebensstandard kommen, wenn es die 600 Millionen Verbraucher in Nordamerika und den USA mit Computern, Mobiltelefonen und Flatscreen-Fernsehern beliefert. China würde das nie können. Hinzu kommt, dass zusätzliche Investitionen im Gegensatz zu früheren Jahren kaum noch volkswirtschaftlichen Mehrwert generieren.

Ein entsprechender Umbau zu einem neuen Wachstumsmodell lässt sich jedoch kaum von oben herab feinsteuern. Zum einen funktioniert Marktwirtschaft darüber, dass man ausprobieren muss, was funktioniert. Zum anderen ist die Wachstumsarithmetik eines solchen Umbaus eine Herausforderung. Der Investitionsanteil in China ist so viel höher als der Konsumanteil, dass während der Umbauphase schon allein daraus ein Wachstumsdämpfer intrinsisch angelegt ist.

Und nicht zuletzt ist es ein logischer Widerspruch in sich, wenn die chinesische Regierung den Marktkräften eine wesentliche Rolle zugestehen, aber die Fähigkeit zur Command-and-Control Feinsteuerung behalten will.

Letztlich wird sich auch Chinas Staatsführung damit abfinden müssen, dass man mit Geld- und Fiskalpolitik nur grobe Signale zum Beschleunigen oder Abbremsen geben, aber niemals feinsteuern kann. Und damit, dass Liberalisierung immer die Aufgabe von Kontrolle heißt.