Interview„China hat keine Freunde“

Parag Khanna
Parag Khanna: In seinem Buch „Unsere asiatische Zukunft“ warnt Khanna unter anderem davor, China überzubewertenPR

Herr Khanna, müssen wir Angst vor China haben?

PARAG KHANNA: Ich bin überzeugt, dass China sehr leicht einzudämmen ist. Das widerspricht natürlich dem aktuellen Bedrohungsgefühl in Europa. Aber es spricht nichts dafür, dass wir Gefahr laufen, in einer chinesischen Weltordnung zu leben. China hat global überhaupt keine Freunde, keine Alliierten. Schon die große Zahl der postkolonialen Staaten würde niemals zulassen, dass sie von einer neuen Macht dominiert werden. Die wissen doch Bescheid. Geschichte wiederholt sich nicht.

Allerdings herrscht in Europa durchaus Angst vor Asien. Angst um Jobs, um die technologische Vorherrschaft. Auch um demokratische Werte.

Der Ursprung dieser Angst ist Ignoranz. Im allgemeinen westlichen Diskurs geht es relativ wenig darum, was in Asien tatsächlich geschieht. Ein Beispiel: Die Asien-Debatte dreht sich gerade in Europa immer sehr stark um die Frage der Demokratie. Dabei wird Asien schon jetzt von demokratischen Ländern geprägt. Die ganz große Mehrheit der Asiaten lebt in demokratischen Staaten, wie in Indien, Indonesien, Südkorea oder Japan. Für China gilt das nicht, klar. Aber China macht nur ein Drittel der asiatischen Bevölkerung aus. Es herrscht aber die Vorstellung, dass wir es mit einem asiatischen Despotismus zu tun haben. Und das spricht für Ignoranz. Und es ist beleidigend.

„Es muss nicht immer eine Nummer 1 geben“

Aber der Aufstieg Asiens findet ja statt, den beschreiben Sie ja auch in Ihrem Buch. Ökonomisch, politisch und kulturell. Da findet also schon eine Machtverschiebung statt.

Sagen wir so: Asien gliedert sich in die bestehende Weltordnung ein und bekommt seinen Anteil daran. Es überfällt oder überschwemmt die Welt aber nicht. Viele Leute glauben, es müsse immer eine Nummer 1 geben, und wenn das nicht die USA oder Europa sind, dann muss es eben China sein. Diese Annahme aber ist völlig falsch und sie führt zu falschen Rückschlüssen.

Wie sieht denn diese Weltordnung ohne Nummer 1 aus?

Wir geraten vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wirklich zu einer multipolaren Weltordnung. Asien oder China ersetzen nicht den Westen. Der Pazifik ersetzt nicht den Atlantik. Es gibt einfach verschiedene Machtzentren, die gleichzeitig eine große Rolle spielen. Sie bilden jeweils die Säulen dieser globalen Weltordnung.

Aber das neue Machtzentrum Asien bildet doch eine wirtschaftliche Konkurrenz.

Ja, schon, aber es ist eben nicht so einfach, wie es im Westen oft verstanden wird. Es gibt keine chinesische Gefahr, so wie es in den 70er- oder 80er-Jahren auch keine wirkliche japanische Gefahr gegeben hat. Die Entwicklung in Asien kann man als eine Reihe von Wellen verstehen, die sich gegenseitig verstärkt haben. Es gab die japanische Wachstumswelle nach dem Krieg. Die wurde zur Inspiration für die Tigerstaaten wie Südkorea, Taiwan oder Singapur. Dann kam die dritte Welle mit China.