KommentarChefwechsel: der In- und Outsider von Linde

Konzern mit deutschen Wurzeln: Der Hauptsitz von Linde befindet sich mittlerweile im englischen GuildfordIMAGO / Manfred Segerer

Von der Unternehmenskultur der alten deutschen Linde AG ist nicht mehr allzu viel übrig. Aus Steuergründen residiert der weltgrößte Hersteller von Industriegasen im irischen Dublin, die Zentrale sitzt im englischen Guildford und angelsächsisch geprägte Manager geben inzwischen den Ton im ganzen Konzern an. Mit dem Inder Sanjiv Lamba tritt nun zum zweiten Mal ein Mann an die Spitze des Unternehmens, der erst durch eine Fusion von außerhalb zu Linde kam.

Sanjiv Lamba wird neuer CEO von Linde (Foto: dpa)

Lamba arbeitete für die britische BOC, als sie 2006 unter das Dach des deutschen Unternehmens schlüpfte. Sein Vorgänger, der bisherige Linde-Chef Steve Angel, kam 2016 nach der Fusion mit der amerikanischen Praxair an Bord. Beide verdanken ihre Karriere einem Deutschen, der nichts von der deutschen Unternehmenskultur hält: dem bisherigen Linde-Chairman Wolfgang Reitzle, der jetzt seinen Sessel für Angel räumt.

Mit dem Abschied von Reitzle aus dem Board und dem Amtsantritt von Lamba als CEO beginnt eine neue Ära bei Linde. Als Reitzle 2002 in den Konzern wechselte und ein Jahr später als CEO das Ruder übernahm, fand der ehemalige Automann einen merkwürdig ambitionslosen Konzern vor, der sich auf seinen auskömmlichen Gewinnen ausruhte und die Konkurrenz aus den Augen verloren hatte. Reitzle schaltete von Anfang an auf Expansion und Effizienz. Sein erklärtes Ziel war, den großen französischen Wettbewerber Air Liquide abzuhängen. Die Übernahme der britischen BOC brachte den ersten Schub, der Zusammenschluss mit der Praxair den zweiten, noch größeren. Von 2016 an hieß es deshalb nicht mehr Expansion und Effizienz, sondern nur noch Effizienz.

Linde steht vor einem Strategiewechsel

Vor der Fusion 2016 lieferte die Praxair deutlich bessere Margen ab als die alte Linde. Der amerikanische Konzern diente deshalb als Blaupause für Linde – und der Praxair-Chef Steve Angel rückte vor allem deshalb an die Spitze des vereinigten Gesamtunternehmens. Der Amerikaner trimmte das Geschäft, wie von Reitzle erhofft und vorgegeben, gnadenlos auf Rendite. Selbst während der Corona-Krise konnte Angel die Gewinnmargen erhöhen, im laufenden Jahr sogar zweimal anheben. Allerdings erkaufte der Linde-Chef die bessere Performance mit einem Verzicht auf zusätzliches Wachstum. Man kann die Lage etwas mit der Siemens AG unter ihrem früheren Vorstandschef Joe Kaeser vergleichen: Ständig steigende Renditen, erkauft durch die ständigen Verkäufe von Unternehmensteilen.

Der neue Linde-Chef dürfte diesen Kurs ändern – und vor allem mehr tun, um die Chancen bei der begehrten Energie der Zukunft noch aggressiver zu nutzen: beim Wasserstoff. Lamba ist wahrscheinlich der richtige Mann dafür: Der Finanzfachmann ist ein ultimativer Insider und zugleich ein Outsider bei Linde. Als Chief Operating Officer lernte Lamba alle Prozesse in dem großen Konzern aus dem Effeff kennen. Doch zugleich erhielt sich der uneitle Mann aus Kalkutta im Konzern ein Stück seiner Unabhängigkeit. Lange Zeit diente Lamba als Asienvorstand – weit weg von den Launen Reitzles, der für seinen ziemlich autokratischen Führungsstil bekannt ist. Man kann daher erwarten, dass der neue Chef den größeren Spielraum nutzen wird, der sich ihm in Zukunft auftut.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.