AnalyseBye-bye, Ölpreis

Ölförderung
Ölförderung in den USA: Das schwarze Gold ist im Überfluss vorhanden

Manchmal kommt zusammen, was nicht zusammengehört. Zum Beispiel Anfang Oktober 2014 in der US-Hauptstadt Washington. Der Energieminister Ernest Moniz überreichte in einer feierlichen Zeremonie Daniel Yergin einen Orden. Der Energieexperte erhielt die erstmals verliehene Schlesinger-Medaille für Energiesicherheit, benannt nach dem früheren US-Minister James Schlesinger. Auf diese Weise trafen die Namen zweier Männer aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Schlesinger war ein Anhänger der Peak-Oil-Theorie, der zufolge ein Fördermaximum beim Erdöl nahe oder bereits erreicht sei – und der Rohstoff von nun an immer knapper werde. Yergin wiederum, Autor zahlreicher Bestseller zur Energieversorgung, vertritt seit Langem die Überzeugung, dass es ein Überangebot an Öl gibt und von Engpässen keine Rede sein kann. Verschiedener kann man die Lage kaum sehen. Es war, als wäre Alice Schwarzer auf dem Cover von „Men’s Health“ gelandet.

Doch die Auszeichnung für Yergin hatte ihre innere Logik. Denn alles weist derzeit darauf hin, dass der 67-jährige Branchenguru recht hat. Neue Fördermethoden in den USA und anderen Ländern haben gewaltige, bisher nicht erschlossene Ressourcen an Erdöl auf den Markt gespült. Genutzt werden Ölsande in Kanada, Ölschiefervorkommen und andere Quellen, die noch vor wenigen Jahrzehnten niemand auf der Rechnung hatte. Selbst die Krisen in den Erzeugerländern Russland, Irak, Libyen und die prekäre Lage im Nahen Osten verflüchtigen sich am Markt für Erdöl. Der Preisverfall in diesem Jahr spricht für eine Schwemme: Seit Juni hat der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Referenz-Sorte WTI um gut 50 Prozent nachgegeben.

Die Angst ist weg

„Es gab noch vor einigen Jahren eine fast epidemische Furcht vor Peak Oil“, sagt Yergin im Gespräch mit Capital. „Mittlerweile wissen wir, dass das völlig unbegründet war.“

Ein dauerhaftes Überangebot an Öl markiert einen Paradigmenwechsel. Vorbei ist die Panik, mit der ganze Generationen aufwuchsen, die noch heute die Bilder des blockierten Suezkanals und erzwungener autofreier Sonntage im Kopf haben. Vorbei auch das brennende Interesse westlicher Industriestaaten, in der arabischen Welt mit zwielichtigen Autokraten zu paktieren, um sich Zugang zum Öl zu sichern.

„Jeder Versuch, von außen die Kontrolle über den Persischen Golf zu erlangen, wird als Angriff auf die ureigensten Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika betrachtet“, sagte vor fast 35 Jahren der damalige US-Präsident Jimmy Carter – und noch immer ist diese Sicht weitverbreitet. Doch amerikanische Thinktanks diskutieren nur noch darüber, ob der Rückzug der USA aus der Golfregion richtig ist oder nicht. Bestritten wird er nicht.

Vorüber ist auch die Angst, dass Preisschwankungen in der OPEC ganze Volkswirtschaften an den Abgrund treiben könnten. Wer zu Beginn des neuen Jahrhunderts seinen Führerschein gemacht hat, hat einen fast ungebrochenen Anstieg des Benzinpreises erlebt. Doch die Konjunktur wurde von völlig anderen Dingen getrieben – dem Internet, Krediten, der Geldpolitik. Die magischen Indikatoren sind heute Anleihekäufe der Notenbanken oder das Volumen an faulen Krediten. Öl findet nur am Rande statt.

Ein Faktor unter vielen

Tatsächlich gibt es den bangen Blick auf den Ölpreis schon länger nicht mehr, der Rohstoff hatte seine Funktion als Schreckgespenst der Weltwirtschaft bereits vor dem aktuellen Preisverfall eingebüßt. Bezeichnend ist die Entwicklung seit der Jahrtausendwende. Zwischen dem Jahr 2000 und 2008 verfünffachten sich die Kosten pro Barrel, begleitet allerdings von einer weltweiten Rally an den Aktienmärkten und in der Realwirtschaft. Eine negative Korrelation ist nicht erkennbar. Die anschließende globale Finanzkrise mag in ihrer Schärfe teilweise auf den Rekordpreis von Juli 2008 zurückzuführen sein, der entscheidende Faktor war er mit Sicherheit nicht. Nach einem kurzfristigen Absturz erholte sich der Ölpreis wieder, ohne erkennbare Auswirkung auf die Konjunktur in Europa und den USA.

Öl ist zu einem Faktor unter vielen geworden. Aber warum?