ReportageBrücke zur Krim - das Symbol der Annexion

Ein Schiff sperrt die Durchfahrt unter der Kertsch-Brücke - Foto: dpa
Ein Schiff sperrt die Durchfahrt unter der Kertsch-Brückedpa


In Rekordtempo hat Wladimir Putin eine gewaltige Brücke vom russischen Festland zur Krim bauen lassen. Sie zieht einen Schlussstrich unter die Annexion der Halbinsel. Für die ukrainische Seite ist sie dagegen das Symbol ihrer Niederlage. Am Wochenende kam es dort zu einer Auseinandersetzung, bei der die russische Marine ukrainischen Schiffen die Durchfahrt verweigerte. Drei Schiffe der ukrainischen Marine wurden aufgebracht und festgesetzt und die Durchfahrt unter der Brücke zeitweise gesperrt. Russland und die Ukraine machen sich gegenseitig für die Provokation verantwortlich.


Als Roman Nowikow zum ersten Mal die Krim besuchte, reiste er im klapprigen Moskwitsch seiner Eltern an. Es war Sommer, Nowikow war 13, die Fahrt war lang und die Krim sowjetisch. Im Schwarzmeerkurort Jewpatorija verbrachte die Familie zwei Urlaubswochen, dann ging es mit dem Moskwitsch zurück in ihre 700 Kilometer entfernte Heimatstadt Belgorod.

Als Nowikow gut drei Jahrzehnte später zum zweiten Mal die Krim besuchte, rückte er mit Kränen, Baggern, Bohrern, Lastern und Schiffen an. Die Krim war nicht mehr sowjetisch und nicht mehr ukrainisch, sondern russisch annektiert, und Nowikow, der Ende 40 war und Straßenbauingenieur, sollte die „Baustelle des Jahrhunderts“ leiten.

Taman, ein staubiges Steppenstädtchen am Ostufer der Straße von Kertsch, die das Schwarze vom Asowschen Meer scheidet. Im Minutentakt donnern Baufahrzeuge über die Zubringerstraße zur Küste. Roman Witaljewitsch Nowikow, breiter Brustkorb, breiter Bizeps, breites Grinsen, deutet auf die andere Seite der Meerenge, wo im Morgendunst die Uferlinie der Krim zu erkennen ist. Dazwischen liegen 19 Kilometer, die nun fast überbrückt sind. „Seit vier Jahren“, sagt Nowikow, „arbeiten wir ohne Unterbrechung an diesem Ding.“

Mehr als vier Jahre ist es her, dass sich Russland in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Krim einverleibte. Das atemberaubende Tempo, das Putin beim Anschluss der Halbinsel vorlegte, hat er bei ihrer Umstrukturierung beibehalten. In kürzester Zeit wurde die ukrainische Krim russifiziert, wurden Behörden und Bildungseinrichtungen umgekrempelt, das Renten-, Steuer- und Gesundheitssystem angeglichen, die ukrainische Hrywnja durch den Rubel ersetzt, die Krim mit Unterwasserkabeln, Gaspipelines und neuen Kraftwerken an Russlands Energienetz angeschlossen.

Allein verkehrstechnisch blieb die Halbinsel bis Mitte 2018 von Russland abgeschnitten – nur auf dem Luft- und Wasserweg war sie erreichbar. Diese letzte Lücke wurde mit Nowikows Brücke geschlossen. Im Mai wurde das Bauwerk für den Autoverkehr geöffnet, ab Winter 2019 sollen dann auch Züge über die Meerenge von Kertsch rollen. Es ist der aufwendigste und vorerst letzte Schritt, mit dem der Kreml die Aneignung der Krim unumkehrbar machen will.

Drei Judokämpfer

Beißender Teergeruch liegt in der Luft, mit riesigen Walzen wird der frische Asphalt auf der Brücken-oberfläche geglättet. Nowikow präsentiert stolz sein Jahrhundertbauwerk: 19 Kilometer, die längste Brücke Europas, an der zu Spitzenzeiten 14.000 Menschen arbeiteten. Knapp 600 Pfeiler, im schlammigen Untergrund verankert mit 7500 Pfählen, die bis zu 95 Meter tief in den Schwarzmeerboden gedrillt wurden.

Es ist nicht der erste Versuch, die Straße von Kertsch zu überbrücken. Als die Nazis im Zweiten Weltkrieg die Krim eroberten, begannen sie mit dem Bau einer Eisenbahnquerung, die unvollendet blieb, als der deutsche Rückzug begann. Stalin ließ die angefangene Brücke im Kriegsjahr 1944 fertigstellen, doch schon im nächsten Frühjahr wurde sie von treibenden Eisschollen wieder eingerissen. Wohlweislich wurde die heutige Brücke deshalb ein gutes Stück weiter südlich gebaut: Die Meerenge, erklärt Nowikow, sei hier zwar fast viermal so breit, dafür staue sich an dieser Stelle weniger Treibeis.