InterviewBrose-Gesellschafter Stoschek kritisiert autofeindliche Haltung

Unter der Führung von Michael Stoschek hat sich das Familienunternehmen Brose zu einem der größten Autozulieferer entwickelt imago images / Zink

Bereits im Mai schrieb Michael Stoschek einen Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Darin warnte der Verwaltungsratsvorsitzende von Brose vor einem wirtschaftlichen Einbruch in der Automobilindustrie sowie vor massiven Verlusten von Arbeitsplätzen und forderte Hilfe von der Politik. Das anschließende Konjunkturpaket der Bundesregierung war für den Unternehmer eine Enttäuschung. Im Interview mit Capital lässt er seinem Frust freiem Lauf.

Was war der Grund für den Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten, den Sie ja auch öffentlich gemacht haben?

MICHAEL STOSCHEK: Brose ist der zweitgrößte Automobilzulieferer in Bayern und ich mache mir große Sorgen um unsere Arbeitsplätze. Neben der autofeindlichen Haltung in Deutschland, die zu einer großen Verunsicherung der Käufer geführt hat, kommen nun noch die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Die Bestellungen von Neuwagen sind dramatisch eingebrochen und eine spürbare Kaufhilfe hätte der Sicherung der Arbeitsplätze genauso geholfen wie dem Klima.

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Wie ist denn die konkrete Lage in der Corona-Pandemie bei Brose?

Die Gesundheit unserer Mitarbeiter haben wir zum Glück im Griff, aber nicht die Beschäftigung. Wir gehen heuer von einem Umsatzeinbruch von 25 Prozent aus, das würde einen vollständigen Ausfall unseres Betriebsergebnisses bedeuten. Es gibt Prognosen, die davon ausgehen, dass wir erst 2030 wieder das Niveau von 2018 erreichen werden. In diesem Fall müssten wir vor allen Dingen in Deutschland noch deutlicher Arbeitsplätze abbauen, als dies schon vorher geplant war. Die Industrie war vor Corona noch damit beschäftigt, die Rückgänge der Automobilproduktion aus den Jahren 2018 und 2019 zu verarbeiten. Jetzt werden die Überkapazitäten schlagartig noch viel größer.

Was genau meinen Sie mit einer autofeindlichen Haltung in Deutschland?

Seit Jahren ist das Automobil die Zielscheibe meist unberechtigter Kritik. Individuelle Fortbewegung passt nicht zu den gesellschaftlichen Vorstellungen eines Teils unserer Gesellschaft. Das Automobil wurde in Deutschland erfunden, deutsche Fahrzeuge sind in aller Welt begehrt. Unsere Industrie schafft hunderttausende gut bezahlte und qualitativ anspruchsvolle Arbeitsplätze im Land, über 800.000 Menschen sind direkt in der Autoindustrie beschäftigt. Direkt oder mittelbar sind 2,5 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland vom Auto abhängig und unser Staat erhält von unserer Industrie jährlich über 90 Mrd. Euro an Steuern. Im Gegensatz zur französischen Regierung sah unsere Koalition keinen Anlass, die Käufer deutscher Automobile und die Arbeitsplätze in unserer Industrie spürbar und in der Breite technologieoffen zu unterstützen. Da fehlte jede konstruktive und sachliche Position.

Was wäre denn aus Ihrer Sicht die sachliche Position?

Sachlich wäre vor allem, sich an Fakten zu orientieren. Das Abgasverhalten unserer Fahrzeuge hat sich beispielsweise seit Jahrzehnten massiv verbessert. Betrachtet man die ganze Wertschöpfungskette, liegt der CO2-Ausstoß der modernsten Verbrenner inzwischen auf dem Niveau von Elektroautos. Wer in Deutschland ein Fahrzeug mit elektrischem Antrieb bewegt, hilft dem Klima nicht, weil die Energie für den Ladevorgang nach wie vor zum überwiegenden Teil aus fossilen Brennstoffen erzeugt wird. Dazu kommen noch die CO2-Belastung und die Umweltprobleme bei der Produktion der Batteriezellen und ihrer Entsorgung. Es gelang nicht, diese unbestrittenen Tatsachen über die Medien der Politik und der Öffentlichkeit zu vermitteln. Insofern haben die Automobilgegner ein freies Schussfeld, solange sich die Industrie nicht wehrt.

Woran liegt es denn, dass die Branche sich nicht zur Wehr setzt?

Natürlich haben einige Hersteller bei der Abgasbehandlung Fehler gemacht. Man hätte diese offen einräumen und bedauern müssen. Die Industrie bzw. einzelne Unternehmen, hätten sich intensiver und glaubwürdig darum bemühen müssen, das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen. Das hätte die Voraussetzung dafür geschaffen, dass man anschließend selbstbewusster an die Öffentlichkeit hätte gehen können. Es kann doch nicht sein, dass sich unsere Industrie in Deutschland seitdem pauschal vorwerfen lässt, sie produziere Dreckschleudern. Das ist sachlich nicht haltbar.

Warum?

Die einseitige Euphorie der Politik für Elektroantriebe geht am Verbraucher vorbei. Gut drei Prozent der Käufer haben sich seit Jahresbeginn für ein Fahrzeug mit Elektroantrieb entschieden. Ich befürchte, dass sich dies nicht wesentlich ändert, auch wenn man die Kaufprämie noch einmal massiv anhebt. Die praktischen Nachteile im Betrieb sind vor allen Dingen für Verbraucher, die sich nur ein einziges Fahrzeug leisten können, ausschlaggebend. Die Limitierung des Fahrzeugwerts auf 40.000 Euro unterstützt zudem nun vor allem den Verkauf ausländischer Elektro- und Hybridfahrzeuge. So sieht also das Konjunkturpaket für die deutsche Wirtschaft aus.

Die Bundesregierung hat auf eine Kaufprämie für Verbrenner gezielt verzichtet. Was wäre denn Ihr Weg gewesen?

Diese Entscheidung ist absolut nicht nachvollziehbar, falsch und geradezu fatal. Die deutschen Hersteller bieten die modernste Abgastechnologie für Verbrennermotoren an, die die beschriebenen Nachteile der Elektrofahrzeuge vermeiden. Man hätte die Autos in der Bestandsflotte nach Baujahr und Emissionsstufen klassifizieren und die Prämie danach staffeln können, um die Fahrzeuge mit dem höchsten Schadstoffausstoß aus dem Verkehr zu ziehen. Das hätte den schnellsten und größten Umwelt- und Klimaeffekt gebracht. Nun befürchte ich, dass die Verunsicherung bleibt und die Nachfrage kaum angekurbelt wird.

Kritiker sagen, die Autoindustrie habe die Transformation verschlafen. Es wäre daher ein Fehler gewesen, ihr noch Kaufprämien für eine überholte Technologie zu geben. Was entgegnen Sie denen?

In der Summe aller Eigenschaften, einschließlich der Kosten, halte ich die Verbrennertechnologie keineswegs für überholt. In weiten Teilen der Welt, insbesondere in weniger dicht besiedelten Regionen, wird man noch Jahrzehnte lang nur mit Verbrennern den Menschen die Mobilität ermöglichen können.

Ein wichtiger Grund für den Fokus auf Elektroautos sind ja die CO2-Vorgaben aus Brüssel.

Die europäischen CO2-Vorgaben wurden lange vor der Corona-Krise beschlossen und ich hoffe sehr, dass man die Beschlüsse anpasst, nachdem sich durch die Corona-Pandemie die wirtschaftliche und soziale Lage so dramatisch verändert hat und weiter verändern wird. Um die Vorgaben zu erfüllen, müssten die Bestellungen von Elektroautos auf rund 20 Prozent zulegen. Wenn der Verbraucher nicht mitmacht, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, die Autohersteller müssen völlig unangemessene Strafzahlungen entrichten oder die EU besinnt sich eines Besseren und passt ihre Klimaziele an. Die aktuelle CO2-Regulierung bis 2030 sieht ja auf halber Wegstrecke eine Überprüfung der Vorgaben und der Zielerreichung vor. Das wäre die perfekte Gelegenheit, um anzupassen.

Glauben Sie daran, dass die Ziele verschoben werden?

Ich hoffe es und kann es mir nur wünschen. Je größer die Wirtschaftskrise ausfällt, desto stärker wird der Druck auf die Politik werden, ihre Prioritäten noch einmal zu überdenken. Das Klima ist wichtig, aber es darf nicht das einzige Ziel sein, dem sich alles andere unterordnen muss.

 


Das Interview erscheint in Kurzfassung in Capital 7/2020. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay