KommentarBrexit-Paniker, beruhigt Euch!


Timo Pache ist stellvertretender Chefredakteur von Capital


Es ist schon beeindruckend, wie schnell die Experten da sind: Marcel Fratzscher zum Beispiel, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Fratzscher wusste heute Morgen schon eine Stunde vor Eröffnung der Börse in Frankfurt: 2017 wird die deutsche Wirtschaft um 0,5 Prozentpunkte weniger wachsen als bisher erwartet. Rezession in Südeuropa, Weltwirtschaft auf Talfahrt, eine neue Finanzkrise samt Verwerfungen im Bankensektor – stehe alles kurz bevor. Und das nur wegen eines schwachen britischen Regierungschefs und engstirniger, alter Engländer, die Angst haben um ihre Renten und Jobs, die sie eh nicht mehr brauchen.

So weit der Experte. Einer von Dutzenden, die heute früh schon genau wissen, welche Folgen diese historische Entscheidung haben wird. Genau so sicher wie sie bis vor wenigen Stunden noch fest davon ausgingen, dass die Briten schon für den Verbleib in der EU stimmen würden.

Die Wahrheit an diesem Tag ist jedoch: Welche politischen und mehr noch wirtschaftlichen Folgen der Brexit über die nächsten Wochen hinaus haben wird, sind vollkommen unklar. Kurzfristig wird es bitter, sowohl an den Finanzmärkten wie auch – vor allem – für britische Unternehmen. Doch ob diese Entscheidung Großbritannien langfristig wirklich schadet, was aus dem Finanzplatz London wird und ob die britische Wirtschaft auf mittlere Sicht tatsächlich abschmiert: alles unklar. Ebenso die Auswirkungen auf Europa und die Weltwirtschaft.

Glaube an EU-Institutionen ist erschüttert

Der wirkliche, langfristige Verlierer dieses Tages ist auch nicht Europa. Großbritannien wird Teil Europas bleiben. Der Ausstieg aus den Verträgen und Institutionen der Europäischen Union bedeutet nicht zwingend Isolation, Handelsschranken und neue Konflikte. Er bedeutet zunächst mal nur, dass alles neu verhandelt wird – die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien ebenso wie zig Millionen Abkommen und Verträge. Mit allen Freiheiten, die Staats- und Privatverträge bieten. Das wird dauern.

Verloren ist heute einzig und allein der seit sechs Jahrzehnten gerade in Deutschland von Politikern und sonstigen Experten vorgetragene Glaube an die Unumstößlichkeit europäischer Institutionen. Nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, wurden die Institutionen der EU über jedes vernünftige Maß überhöht. Sie waren unumkehrbar und alternativlos. Das war nicht nur falsch, sondern Hybris. Es war gefährlich.

Niemand sollte jetzt mehr sagen, das Verbot der Plastiktüte sei eine Frage des europäischen Friedens. Dieser Anspruch gilt nicht mehr. Die EU, das ewig zähe Ringen um faule Kompromisse, die dann vielleicht nicht mal umgesetzt werden, der Brüsseler Drang, selbst kleinste Kleinigkeiten des täglichen Lebens zu reglementieren, sind umkehrbar. Und wenn Europas Institutionen tatsächlich untergehen oder zurückgestutzt werden, muss daraus noch lange nicht Krieg und Niedergang folgen.

Folgen sind unabsehbar

Jeder, der heute ein „Jetzt erst recht“ fordert, sollte daran denken. Diese EU wollen viele Menschen nicht mehr, nicht nur in Großbritannien nicht, sondern auch in den Niederlanden, in Frankreich, in Spanien, in Österreich und zunehmend auch in Deutschland. Sie empfinden sie als übergriffig und unkontrollierbar.

Werden die Niederländer als nächstes über den Austritt abstimmen? Oder Frankreich? Oder Spanien? Und dann nicht nur aus der EU, sondern auch aus dem Euro? Nicht auszuschließen.

Diese Erkenntnis ist die einzig sichere des heutigen Tages. Sie macht Angst, denn ihre Folgen sind unabsehbar. Aber sie hat auch etwas Befreiendes, etwas Emanzipatorisches.

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