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Arbeitskämpfe Bodenpersonal, Hafenarbeiter, Lkw-Fahrer: Eine Streikwelle überrollt die Welt

Bahnreisende gehen an einem Infobildschirm im Frankfurter Hauptbahnhof vorbei
Die Lufthansa streicht wegen des Verdi-Warnstreiks am Mittwoch nahezu das komplette Flugprogramm an ihren deutschen Drehkreuzen Frankfurt und München.
© picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst
Am Mittwoch will das Bodenpersonal der Lufthansa streiken. Der Arbeitskampf reiht sich ein in eine globale Streikwelle. Betroffen sind Branchen, die in der aktuellen Krisengemengelage eine besondere Bedeutung haben

Die Coronapandemie war für die globalen Lieferketten ein beispielloser Stresstest. Auch für die Beschäftigten, die den weltweiten Warenstrom unter schwierigen Bedingungen am Laufen hielten. Viele von ihnen haben jetzt offensichtlich genug.

Weltweit nehmen Arbeitskämpfe zu, insbesondere da, wo Güter, Menschen und Energie befördert werden. Von Piloten und Bodenpersonal bei der heimischen Lufthansa, über Eisenbahner in den USA und Arbeiter auf australischen Erdgasfeldern bis hin zu Lkw-Fahrern in Peru fordern Arbeitnehmer mehr Geld.

Gerade weil ihre Arbeit für die Weltwirtschaft derzeit so zentral ist, können diese Beschäftigten Druck am Verhandlungstisch aufbauen. Jede Unterbrechung der Lieferketten durch Arbeitskämpfe könnte weitere Engpässe und steigende Preise bedeuten, bis hin zu einer Rezession.

Laut Katy Fox-Hodess, Dozentin an der britischen Sheffield University Management School, stärkt das die Position der Beschäftigten in der Transport- und Logistikbranche, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Zudem seien die Arbeitsbedingungen in der Branche nach Jahren der Deregulierung härter geworden. „Die globalen Lieferketten waren nicht auf eine Krise wie die Pandemie eingestellt, und die Arbeitgeber haben sie auf die Arbeitnehmer abgewälzt“, sagt Fox-Hodess.

Lkw-Fahrer protestieren am 18. Juli im Hafen von Oakland in Kalifornien
Lkw-Fahrer protestieren am 18. Juli im Hafen von Oakland in Kalifornien
© Bloomberg

Einige Zentralbanker befürchten, dass durch zu hohe Lohnabschlüsse eine Lohn-Preis-Spirale wie in den 1970er-Jahren in Gang gesetzt wird. Dafür gibt es aber bislang kaum Anzeichen, auch weil Gewerkschaften weniger mächtig sind als vor 50 Jahren.

Doch die Probleme in der Logistik machen die Arbeitskämpfe in anderer Weise zu Preistreibern. Ein Großteil der heutigen Inflation ist auf Engpässe bei der Verfügbarkeit vieler Waren zurückzuführen. Ein angedrohter Streik in der norwegischen Energieindustrie Anfang des Monats sorgte für große Unruhe an den europäischen Gasmärkten.

Hier ist eine Übersicht wichtiger Branchen, die von Streiks bedroht sind.

Eisenbahnen und Speditionen ...

In den USA fassen Gewerkschaften bei Unternehmen wie Starbucks und Amazon langsam Fuß. Einige der derzeit größten Arbeitskämpfe betreffen die Transportbranche. Die Gefahr eines Bahnstreiks steht ebenfalls im Raum: Nach zwei Jahren erfolgloser Verhandlungen mit den größten Eisenbahngesellschaften des Landes hat Präsident Joe Biden diesen Monat ein Gremium eingesetzt, das eine Lösung erarbeiten soll. Es hat bis Mitte August Zeit, einen für beide Seiten akzeptablen Vertrag zu entwickeln. „Der Arbeitsmarkt ist sehr angespannt. Die Arbeitnehmer tragen daher viele Kritikpunkte vor und fühlen sich stark“, sagte Eli Friedman, Professor an der Cornell University. 

Streikende in der Nähe des Bahnhofs Glasgow Central in Großbritannien am 21. Juni.
Streikende in der Nähe des Bahnhofs Glasgow Central in Großbritannien am 21. Juni.
© Bloomberg

Im Großbritannien wollen am 30. Juli die Lokführer streiken, zwei weitere Verkehrsgewerkschaften planen für die kommende Woche ebenfalls 24-stündige Arbeitsniederlegungen. Das trifft nicht nur Fahrgäste: Die zweitgrößte Containerreederei der Welt AP Moller-Maersk warnte vor „erheblichen Störungen“ im Frachtverkehr. Auch in Kanada streiken Eisenbahner.

In vielen Ländern stehen Lkw-Fahrer, die gegen die hohen Kraftstoffkosten protestieren, an der Spitze der Arbeitskämpfe. In Peru streiken Trucker diesen Monat landesweit. In Argentinien blockierten Fahrer im Juni eine Woche Straßen und verzögerten die Lieferung von 350.000 Tonnen Getreide. In Südafrika sperrten Trucker eine wichtige Handelsverbindung in das benachbarte Mosambik.

… Häfen und Schiffbau

Der Konflikt, der der US-Wirtschaft am meisten schaden könnte, betrifft mehr als 22.000 Hafenarbeiter an der Westküste. Ihr Vertrag ist Anfang Juli ausgelaufen, und die International Longshore and Warehouse Union verhandelt gerade über einen neuen. Beide Seiten erklärten, dass sie Streiks vermeiden wollen. Denn falls es dazu käme, droht eine Schließung der Häfen, über die fast die Hälfte der amerikanischen Importe ins Land kommt.

Auch in den deutschen Häfen herrscht Hochbetrieb, nachdem ein zweitägiger Streik Anfang des Monats die Situation noch verschlimmert hat.

In Südkorea freut sich die Schiffbauindustrie über einen Anstieg der Aufträge. Arbeitnehmer jedoch protestieren seit mehreren Wochen in einem Dock der Werft Daewoo Shipbuilding & Marine Engineering gegen die hohe Arbeitsbelastung und fordern eine Lohnerhöhung um 30 Prozent. Die Aktion hat bereits den Stapellauf von drei Schiffen verzögert.

Airlines und Flughäfen

Streiks in der Luftfahrt treffen eine Branche, die seit der Pandemie viel zu wenig Arbeitskräfte hat. Viele Fluggesellschaften haben ihre Flugpläne schon zusammengestrichen - auch wegen Streiks. Bei der Lufthansa will das Bodenpersonal am Mittwoch warnstreiken. Die Fluggesellschaft hat deswegen alle Flüge an ihren Drehkreuzen Frankfurt und München an diesem Tag gestrichen. Neben dem Bodenpersonal sind auch die Piloten unzufrieden. Sie stimmen gerade separat über einen möglichen Arbeitskampf ab.

Am Pariser Flughafen Charles de Gaulle wurde das Problem Anfang des Monats sichtbar. In London Heathrow drohte ähnliches, bis die Gewerkschaft Unite am Donnerstag einen geplanten Streik absagte, nachdem sie ein „nachhaltig verbessertes Angebot“ erhalten hatte.

Selbst im sonst so entspannten Jamaika traten Fluglotsen am 12. Mai in einen eintägigen Streik gegen niedrige Löhne und lange Arbeitszeiten. Der Luftraum über der Karibikinsel musste geschlossen werden – mehr als 10.000 Menschen konnten nicht fliegen. Ein Flugzeug musste auf halbem Weg nach Kanada umdrehen.

Energieversorgung

Der Streik der Ölarbeiter in Norwegen hätte noch mehr Ungemach bedeutet für die Energieversorgung in Europa, die bereits unter dem Krieg in der Ukraine und den reduzierten Gaslieferungen aus Russland leidet. Der Konflikt wurde erst beigelegt, als die Arbeitsministerin intervenierte, da der Streik „weitreichende gesellschaftliche Auswirkungen für ganz Europa“ hätte haben können.

In Australien, einem der weltweit größten Exporteure von Flüssiggas, verlängerten Beschäftigte der LNG-Produktionsanlage Prelude ihren Arbeitskampf bis zum 4. August. Dadurch wird dort derzeit kein LNG verschifft, wodurch die Knappheit noch verschärft wird.

Beim staatlichen südafrikanischen Energieversorger Eskom gab es für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach einer einwöchigen Arbeitsniederlegung eine Lohnerhöhung, die in etwa die Inflation ausgleicht. Dabei hätte der Streik gar nicht stattfinden dürfen: Eskom-Beschäftigten sind Arbeitskämpfe untersagt, da die Bereitstellung von Strom als essenziell gilt.

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