GastkommentarBitcoin - riskantes Investment


Markus Seidel studierte Wirtschaftsingenieurwesen und VWL in Karlsruhe und promovierte in St. Gallen im Bereich Innovationsmanagement. Seit fast 20 Jahren ist er Manager in der Automobilindustrie und treibt dort neue Ideen und Konzepte voran. In diesem Jahr erschien sein Buch Markus Seidel studierte Wirtschaftsingenieurwesen und VWL in Karlsruhe und promovierte in St. Gallen im Bereich Innovationsmanagement. Seit fast 20 Jahren ist er Manager in der Automobilindustrie und treibt dort neue Ideen und Konzepte voran. 2014 erschien sein Buch „Geld war Gestern“.


Die digitale Währung Bitcoin wurde Ende 2013 weltberühmt nachdem ihr Wechselkurs sich innerhalb von kurzer Zeit vervielfacht hatte. Kurz danach stürzte ihr Kurs ab und sie geriet in Vergessenheit. Jetzt hat sich der Bitcoin-Kurs wieder erholt. Lohnt sich ein Investment?

Von Anfang 2012 bis Ende 2013 stieg der Bitcoin-Wechselkurs von fünf auf über 1100 US-Dollar. Die Kursexplosion machte die digitale Währung weltberühmt und zum Dauerthema in den Medien. Kurz darauf gab es Turbulenzen: Der damals größte Handelsplatzbetreiber für Bitcoins Mt. Gox stellte Antrag auf Insolvenz, nachdem bekannt geworden war, dass mehr als 650.000 Bitcoins im Gegenwert von 473 Mio. Dollar „verschwunden“ waren. Nach dem Skandal kühlte die Begeisterung rasch ab und der Kurs sank unter 200 Dollar. Nun gibt es einen Trendwechsel. Aktuell ist der Kurs wieder auf 600 Dollar gestiegen.

Fast perfekt passt die Entwicklung der letzten Monate zur Hypothese, dass die Internetwährung den Hypecycle aller disruptiven Innovationen durchläuft. Zunächst wird eine radikale Neuerung hochgejubelt. Bei negativen Schlagzeilen wird sie aber rasch fallen gelassen und gerät anschließend in Vergessenheit. In der dritten, erfolgskritischen Phase versachlicht sich die Diskussion. Bietet die Innovation dann großen Mehrwert gegenüber Bestehendem kann sie sich am Markt durchsetzen.

Eine Art digitales Gold

Das Bitcoin-System befindet sich gerade in der dritten Phase, denn zweifellos bietet es einige Vorteile: Es ist frei von Banken, Zahlungsdienstleistern und nationalen Regulierungsbehörden und deren Manipulation. Bitcoins sind nicht beliebig vermehrbar und inflationsgeschützt. Das System ist schnell, weltweit zugänglich und fälschungssicher. Transaktionen finden weitgehend anonym statt. Es fallen keine oder nur geringe Gebühren an.

Nicht zufällig war die anfängliche Nische für die digitale Währung der Online-Schwarzmarkt Silk Road. Bis zu seiner Schließung Ende 2013 wurden dort Produkte im Wert von 1,2 Mrd. Dollar mittels Bitcoin umgesetzt. Seither wächst die Zahl der Bitcoin-Akzeptanzstellen und das Zahlungsvolumen. Laut einem Bericht des Marktforschungsunternehmens Juniper Research soll das Bitcoin-Transaktionsvolumen 2016 bereits 92 Mrd. Dollar überschreiten. Wird sich Bitcoin weiter durchsetzen, könnte eine zentralbankunabhängige, globale „Superwährung“ – eine Art digitales Gold – entstehen.

Es ist schwierig, eine Prognose zu treffen, wie groß das Wertsteigerungspotential ist. Aktuell liegt der Wert aller bisher erzeugten und noch zu erzeugenden 21 Mio. Bitcoins bei etwa 13 Mrd. Dollar. Das ist im Vergleich zu anderen Kapitalanlagen wie beispielsweise Gold, Aktien und Anleihen mit einem globalen Volumen von mehr als 100 Billionen US-Dollar gering. Wird nur ein kleiner Teil dessen in Bitcoins konvertiert, kann sich der Wechselkurs rasch verhundertfachen. Das haben mutige Investoren offenbar auch erkannt: Nach einer Untersuchung des SWIFT Institutes werden Bitcoins vorrangig zur Kapitalanlage eingesetzt und nicht als Zahlungsmittel. Neben Diversifikationsmotiven ist auch Absicherung ein Beweggrund: Käme es zu einem rapiden Wertverfall des Papiergeldes, würde – so die Annahme – der Bitcoin-Wechselkurs stark steigen.

Bitcoin ist ein riskantes Start-up

Dass sich Bitcoin als globales Zahlungsmittel durchsetzt, dürfte jedoch schwieriger werden als der Weg zur Kapitalanlage. Es ist davon auszugehen, dass Zentralbanken und Regierungen mit allen Mitteln gegen eine solche Entwicklung vorgehen würden. Wenn Papiergeldwährungen verdrängt würden, hätte das erhebliche Turbulenzen zur Folge. Noch liegt die Akzeptanz einer digitalen Weltwährung jenseits unseres Vorstellungsvermögens. Doch nichts ist unmöglich. Häufig wird übersehen, dass unser aktuelles Währungssystem mit beliebig vermehrbarem Geld nur 40 Jahre alt ist: Erst 1976 empfahl der Internationale Währungsfonds seinen Mitgliedern die Aufhebung der Goldbindung ihrer Währungen. Negativzinsen waren bis vor kurzem ebenfalls nicht denkbar.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, welches Schicksal alternative Währungskonzepte ereilen könnte. Das bekannte „Wunder von Wörgl“, bei dem die lokale Wirtschaft der Tiroler Gemeinde durch hohe Negativzinsen erfolgreich angekurbelt wurde, fand 1933 ein jähes Ende: Die österreichische Nationalbank ließ das Experiment einfach verbieten. In den USA wurde per 1. Mai 1933 privater Goldbesitz durch Präsident Franklin D. Roosevelt untersagt. Innerhalb von 14 Tagen mussten private Goldbestände bei zentralen Annahmestellen abgegeben werden.

Meine Prognose ist, dass der Bitcoin-Wechselkurs volatil bleibt, langfristig aber stark steigen kann. Für spekulativ orientierte Investoren bieten Bitcoins eine interessante Möglichkeit, ihr Portfolio zu diversifizieren und auf hohe Kursgewinne zu wetten. Sie sollten das aber nur dann tun, wenn sie viel Geduld haben und einen Totalverlust verkraften können. Das Bitcoin-System ist nichts anderes als ein riskantes Start-up, das die Welt verändern will – Erfolg ungewiss.