BitcoinKönnen Kryptowährungen grün sein?

Industrieventilatoren regulieren die Temperatur in einer Krypto-Mining-Farm in Nadwoitsy, RusslandGetty Images

Sie brummen in der mongolischen Steppe, im isländischen Hinterland und in den Tälern Georgiens. Hinter den Mauern und in Fabrikhallen, die ihnen als Verstecke dienen, lassen Ventilatoren permanenten Wind durch die Hallen wehen.

Die Arbeiter verstehen viel von Kabeln und Kühlvorgängen, aber wenig von Algorithmen und Finanztheorie. Trotzdem – oder deshalb? – wird hier mehr Geld erwirtschaftet als von erfolgreichen Investmentbankern.

Tag für Tag, Sekunde für Sekunde errechnen die Algorithmen Blockchains. Treiber ist der Boom der Digitalwährung Bitcoin. Und das Sicherungssystem Blockchain ist längst mehr als nur Kryptogeld. Rund 10000 Chains gibt es weltweit. Sie sichern Produkte oder Währungen. Jede funktioniert etwas anders.

Klimatechnisch bedenklich

Gemein haben sie alle: Sie sind dezentral und haben einen enormen Recheneinsatz. Das sorgt einerseits für Sicherheit bei vielen digitalen Anwendungen. Andererseits sind sie klimatechnisch ein nicht haltbarer Schweinkram.

„Für das Klima wäre es am besten, wenn der Wechselkurs von Bitcoin fallen würde“, sagt Fabian Reetz von der Stiftung Neue Verantwortung. „Dann würden sich weniger Miner am Schürfen beteiligen.“ Reetz, der bei dem Berliner Thinktank den Forschungsbereich „Digitale Energiewende“ leitet, beobachtet die Logik hinter dem Trend: „Das Problem des Energieverbrauchs ist durch das Modell begründet, das der Blockchain für Bitcoin zugrunde liegt.“

Der „Proof of Work“-Ansatz basiert auf der Annahme, dass bestimmte durch Codes entschlüsselbare Informationen dadurch als korrekt klassifiziert werden, dass möglichst viele Miner zum gleichen Ergebnis gekommen sind. Man kann diese Codes nur durch  Ausprobieren finden. Das braucht Rechenleistung.

Höherer Stromverbrauch als Österreich

Der Stromverbrauch für die Kryptowährung Bitcoin beträgt laut einer Schätzung des Ökonomen Alex de Vries mittlerweile rund 73 Terawattstunden pro Jahr, die Zahl stammt vom November 2019, noch im Juli hatte de Vries auf 58 Terawattstunden geschätzt.

Das Land Österreich verbraucht weniger Strom. Für alle Blockchainsysteme zusammen dürfte der Verbrauch derzeit irgendwo zwischen 100 und 200 Terawattstunden liegen. Der Energiehunger ist also enorm, das Wachstum ebenfalls.

Je beliebter eine Blockchainanwendung, desto mehr Recheneinsatz benötigt sie. Minenfabriken, die ihr Bitcoin-Konto auffüllen, wenn sie einen Code richtig entschlüsselt haben, sehen in dem Problem eine Stärke. „It’s not a bug, it’s a feature“, kommt als Reaktion auf den wachsenden Energiehunger. Denn mehr Rechenleistung gleich mehr Sicherheit.

Geld für regenerative Projekte

Verfechter der Technologie sagen, man verschmutze die Umwelt zumindest dann nicht, wenn man den Strom für die Computer durch erneuerbare Energiequellen produziere. So macht das zum Beispiel das spanische Startup Climate Trade, eine Plattform, die auf Blockchainbasis den Handel von CO-Emissionsrechten demokratisieren und beschleunigen will.

Dafür schürft es die Kryptowährung Climatecoin. Sie ist mittlerweile in mehrere Länder expandiert, zuletzt nach Peru, Kolumbien und Chile. Was aber tun, da gerade die Expansion der Climatecoin die Umwelt doch umso mehr belastet? „Wir kaufen als Climate Trade Zertifikate auf, damit wir unsere Emissionen kompensieren“, sagt Gründer Francisco Benedito Valentín. „Das Geld fließt dann in regenerative Produkte.“

Viele blockchainbasierte Start-ups, die bei verschiedenen Themen für mehr Nachhaltigkeit sorgen wollen, haben bei Kryptowährungen dieses Problem. Da ist etwa Provenance. Das Unternehmen aus London will Lieferketten nachhaltiger machen. Der Fischer in Indonesien, der Großhändler in Jakarta oder der Spediteur – jede Station des Fischs verifiziert die Blockchain, bis hin zum Kunden. Schön. Aber das benötigt eben auch Rechenleistung.

Kryptowährungen schaffen neue Energieprobleme

Ähnlich ergeht es Solarcoin, einer Kryptowährung aus den USA zur Förderung von Solarenergie. Mag bei allen das Digi-Herz auf dem Motherboard am rechten Fleck sitzen, ist es doch nicht zu leugnen, dass diese Unternehmen mit ihren Lösungen mittelfristig neue (Energie-)Probleme erzeugen.

Doch es gibt Hoffnung. „Der ‚Proof of Work‘-Ansatz ist nicht der einzig mögliche zur sicheren Berechnung der Codes“, sagt Reetz. „Eine Alternative nennt sich ‚Proof of Stake.‘ Die Idee: Nicht möglichst viele Miner müssen auf das gleiche Ergebnis kommen, sondern lediglich einer. Der muss aber vorher eine Art Kaution hinterlegt haben.“

Das reduziert den Recheneinsatz, ohne die Sicherheit maßgeblich zu beeinträchtigen. „Durch das Guthaben, das von den Minern zuerst einbehalten wird, sinkt die Anzahl rechnender Teilnehmer und dadurch der Energieaufwand.“ Noch jedoch boomt „Proof of Work“. Doch viele Kryptowährungen setzen schon auf die alternative Technik, allerdings bislang kleinere und unbekanntere.

Geht Kryptowährung doch klimafreundlich?

Nun aber ein erster Prestige-Erfolg für „Stake“: Im ersten Quartal 2020 will Ethereum, eine der großen Kryptowährungen, umsatteln. „Würde Bitcoin auf ‚Proof of Stake‘ umsteigen, wären 99 Prozent des Energieverbrauchs eingespart“, sagt Reetz. Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis die Technik aus sich heraus klimafreundlicher wird?

Die Bundesregierung will laut ihrer Blockchainstrategie immerhin „nachhaltigkeitsbezogene Anforderungen“ zu einem wichtigen Entscheidungskriterium bei staatlichen oder von der Regierung geförderten Projekten machen. Was das bedeutet, wird allerdings nicht genau erklärt. Die Regierung geht in ihrer Strategie aber auf den hohen Stromverbrauch durch „Proof of Work“ ein.

Und wenn Deutschland bei Kryptowährungen auf „Proof of Stake“ setze, könne das international Vorbild werden. Muss aber nicht. Denn durch „Proof of Stake“ würden viele der eingangs beschriebenen Miningfabriken stillgelegt und zu totem Kapital. Viele stehen in China. Ob man sich dort dem politischen Druck anderer Länder beugen würde? Zudem ist das finanzielle Inte­resse, am arbeitsintensiven „Proof of Work“-Ansatz festzuhalten, längst so groß geworden, dass ein Umsteigen ohne internationale Deals unrealistisch erscheint. Indes: Wie ernst internationale Klimaabkommen genommen werden, kann man ja täglich verfolgen.

Aber vielleicht muss man in der simplen Sprache sprechen, die jeder versteht: Wenn Strom und CO-Emissionen teurer werden, bekommen alternative Ansätze verstärkt Zulauf. Und das wäre sicherlich nicht verkehrt. Andernfalls werden die Blockchainrechner der Welt nicht mehr bloß den Stromverbrauch von Österreich aufweisen, sondern den der USA.

Der Beitrag ist zuerst bei Business Punk erschienen