KolumneBiden statt Trump? Deutschland hat ein viel größeres Problem!

Lars Vollmer
Lars VollmerAndré Bakker

So wie es aussieht, wird Joe Biden der neue Präsident der USA und nicht Donald Trump. Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit geht, aber mich macht das weder sonderlich froh noch sonderlich traurig.

Ich habe schon im Vorfeld der Wahl keinen Hehl daraus gemacht, dass ich keinen von beiden wählen würde. Nicht dass mein Votum von Belang gewesen wäre: Ich kann ja in den USA gar nicht wählen und der Ausgang der Wahl betrifft mich auch nur mittelbar.

Dennoch habe ich rund um diese Wahl eine kleine Sorge und eine ziemlich große Sorge.

Kleine Sorge

Am Anfang meines politischen Denkens, also vor etwa 30 Jahren, standen in meiner Wahrnehmung die Demokraten in den USA für eine liberal-progressive Politik. Doch heute habe ich den Eindruck, dass die US-Demokraten diesen Geist verloren haben und mit ihrer Politik im klassischen politischen Spektrum nach links und vom Liberalismus klar abgerückt sind – zudem mit vielen autoritären Tendenzen. Sie haben sich auf die Sozialdemokratie zubewegt. So erwarte ich in den nächsten Jahren höhere Steuern, mehr Subventionen zur staatlichen Lenkung von Entwicklungen und deutlich mehr Ausgaben der öffentlichen Hand. Das wäre ein ernstzunehmendes Signal aus dem Land, das mal das Aushängeschild des Liberalismus war.

Ich vermute entsprechend, dass dieser Machtwechsel auch wirtschaftliche Implikationen haben wird. Aber ob wir Europäer uns deshalb schon bald Trump zurückwünschen werden, wie manche schreiben: Wer weiß. Nur bei einem bin ich mir sicher: Joe Biden ist nicht der Messias, der Amerika eint und die Welt wieder in die Glückseligkeit zurückführen wird – wie manch andere schreiben. Was aber wenig mit der Person von Herrn Biden zu tun hat.

Und damit komme ich zu dem Punkt, der mich im Rahmen der US-Wahl und dem vermeintlichen Ende der Ära Trump über alle Maßen besorgt gemacht, ja sogar regelrecht aufgeregt hat …

Große Sorge

Ich nehme an, Ihnen ist auch diese unsägliche Moralüberschwemmung aufgefallen, die im Umfeld der Wahl stattgefunden hat. Vorrangig in den Massenmedien. Vorrangig in Deutschland. Vielleicht auch in den USA, aber das wage ich nicht zu beurteilen.

Insgesamt ging es, zumindest aus deutscher Mediensicht, vor allem um die Abwahl des moralisch verwerflichen Menschen Donald Trump – und das ist streng genommen das unpolitischste „Argument“ in der Politik überhaupt. Denn gegen jemanden zu sein, ist kein Konzept. Die Abwahl des Amtsinhabers zur obersten Idee zu erheben, signalisiert maximale Ideenlosigkeit bei gleichzeitig maximalem Symboleinsatz.

Ich habe einige Gesprächspartner in den letzten Wochen mitten in den so hoffähig gewordenen Präsidenten-Bashings unterbrochen und sie gefragt, warum sie denn die Ideen Joe Bidens für überlegen halten. Fast immer lautet die Antwort: „Ich weiß eigentlich gar nicht, worum es dem geht.“

Zu Donald Trump darf natürlich jeder seine Meinung haben. Doch schon in den Monaten und Wochen vor der US-Wahl hat mir der Ton der Berichterstattung deutliches Unbehagen bereitet.

Maßlos

Ich habe viele der Berichte schon in dieser Zeit als eine regelrechte Hetze empfunden. Doch so richtig erschrocken bin ich dann in den Tagen vor und erst recht nach der Wahl. Etliche Medien erweckten den Eindruck, dass ein Diktator abgewählt worden sei. Zur Erinnerung: Donald Trump wurde vor vier Jahren in einem demokratischen Prozess zum Präsidenten gewählt. Und bei der aktuellen Wahl hat er – in absoluten Zahlen gesehen – sogar noch mehr Wählerstimmen auf sich vereinen können als damals.

Irgend jemand schrieb sogar etwas von der „Befreiung Amerikas vom Faschismus“. Was für eine unglaubliche Überhöhung!

Oder wenn Kamala Harris moralisch gefeiert wird, als habe es noch nie zuvor eine Frau in den USA zu hohen politischen Ämtern gebracht – haben nicht schon Frauen wie Condoleezza Rice als Außenministerin oder auch Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidaten mit mehr Stimmen als Trump gezeigt, dass das geht? Selbstverständlich gilt mein Glückwunsch der neuen Vizepräsidentin. Aber das in sie projizierte Symbol scheint mir doch maßlos übertrieben.

Als Politikerin, die sie ja ist, möchte ich sie lieber an ihrer Politik als an ihrem Geschlecht messen. Und diese wird sich ja erst zeigen. Okay, sie gilt eher als Vertreterin des linken Flügels der Demokraten, was dann wieder meine Sorge um den Liberalismus schürt – aber wir werden sehen.

Überschwemmungsopfer

Jedenfalls hat mich diese Wahl politisch herzlich wenig Neues über die USA gelehrt: Die Stimmverteilung ist nur unwesentlich anders als bei der letzten, der vorletzten und der vorvorletzten Wahl. Die beiden Lager sind nach wie vor ungefähr ausgeglichen. Das sind sie schon seit Jahrzehnten. Aus der jetzigen Entscheidung eine gesellschaftliche Wende oder gar ein kollektives Umdenken des amerikanischen Wahlvolkes abzuleiten, entspringt eher medialer Fantasie denn der Realität.

Die Wahl hat mich aber umso mehr über Deutschland gelehrt: Der Trend zur moralisch aufgeladenen Symbolik wird hierzulande immer stärker. Und ich glaube, dass das nicht gut ist für unser Land.

Denn in dieser Moralüberschwemmung geraten die Argumente aus dem Blick. Das klare Denken wird verhindert. Die echten Probleme werden nicht angegangen. All die Kraft, Zeit und Ressourcen, die für die Symbolik und die ständigen Gut-Böse-Spiele verbraucht werden, fehlen bei der Suche nach Lösungen. Das kann nicht ernsthaft in unserem Sinne sein – und zwar unabhängig davon, wie der nächste Präsident der USA nun heißt. Meine ich jedenfalls. Und Sie?

 


Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor. In seinem aktuellen Buch „Der Führerfluch – Wie wir unseren fatalen Hang zum Autoritären überwinden“ stellt er den Krisen in unserem Land Ideen von Selbstorganisation und Eigenverantwortung entgegen.